Update Reisetagebuch Yukon – Toleranz 

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Ihr lieben,
so viel ist passiert in den letzten drei Wochen, sodass ich kaum zum Schreiben kam. Und wenn ich dann doch einmal Zeit hatte, dann war mir nicht danach. Offen gesagt, habe ich versucht, etwas abzustumpfen und das Leben, dass unermüdlich weitergeht, einfach über mich ergehen zu lassen. Dies war mir (glücklicherweise) jedoch nicht auf Dauer möglich und seit vorgestern ist alles wieder ganz anders aber ich beginne wohl besser von vorne.

Hier also eine wage Zusammenfassung der letzten Wochen. 

Aufgrund der Masse an Erfahrungen, die unfreiwilligerweise und doch recht penetrant auf mich ein niederprasselten, habe ich beschlossen ein paar Listen zu verfassen. Diese könnt ihr euch bei Interesse in den folgenden Blogeinträgen zu Gemüte führen, welche ich am Ende dieses Beitrags verlinke.

Zusammenfassend habe ich für mich festgestellt, dass Reisen bedeutet, loszulassen. Wachstum zuzulassen. Flexibel zu sein. 

Reisen kann anstrengend sein. Reisen kann auch mal unschön sein. Und vor allem findet Reisen in uns statt, wenn wir es zulassen. 

Bisher war ich fast ausschließlich an Orten und habe Dinge erlebt, die ich so nicht geplant hatte und eigentlich ganz anders wollte. Nun, gerade diese Dinge sind wohl derzeit an der Reihe für mich…Ich akzeptiere das nun. Meine Reise zu mir selbst in der Wildnis des Yukon hat sich zu einer bisher zweimonatigen Periode ständigen unter-Menschen-Seins entwickelt, die letzten fünf Wochen teilte ich mir sogar nachts einen Raum ohne Sichtschutz, Respektive Privatsphäre mit anderen Menschen, von denen ich nicht jeden wirklich mochte und doch lernte ich gerade dadurch am meisten über mich. Durch den Kontakt mit anderen, auch unangenehmen, durch das Wahrnehmen eigener Grenzen. 

Und mal ehrlich, was für einen Luxus leben wir, indem jeder seine Rückzugsorte hat und sein Leben so gestalten kann, wie er möchte? 

„Ich brauche Freiraum!“, „Ich brauche Zeit für mich!“ etc.. 

Alles Glaubenssätze einer Gesellschaft, für die Individualität und Selbstverwirklichung an erster Stelle steht. Gibt es diese Individualität überhaupt, wenn wir doch alle Teil einer Gesellschaft und eines großen Ganzen sind sowie das Produkt unserer Erlebnisse und Erfahrungen? 

Und entsteht Freiraum nicht in uns, denn außerhalb? 

Wie sonst hat z.b. Anne Frank ihr mit anderen zusammen abgeschottetes Leben während der Judenverfolgung im Hinterhaus führen können, ohne ihre Innere Freiheit, ihre Neugier und ihren Lebenswillen zu verlieren? 

Oder all die Verfolgten und Flüchtigen dieser Welt, die zusammengepfercht in Lagern und auf Booten wochenlang mit anderen auf engstem Raum nicht nur überleben sondern voller Hoffnung weiterleben?

Ich habe es viel zu gut. Immer noch. 

Und somit sind wir schon bei Liste Nummer eins:

10 geistige Dinge, die ich beim Reisen gelernt habe
Nummer zwei:

10 praktische Dinge, die ich auf Reisen gelernt habe
Und zuletzt:

10 wilde Tiere, die ich auf Reisen gesehen habe
In dem Sinne, ich wünsche Euch allen eine gute Reise!:)

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10 wilde Tiere, die ich auf Reisen gesehen habe

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1. one Porcupine (Stachelschwein)
2. A few Moose (Elch)

3. Three Grizzly Bears (Grizzlybären)


4. One coyote (Koyote)

5. Four bald eagles (Weißkopfseeadler)

6. A few mountain goats (Bergziegen)

7. Many Raven (Raben, richtige, keine Krähen und “George”, der sich aus der Hand füttern lies..)


8. Many squirrels (Eichhörnchen und auch ein paar andere Hörnchen)

9. Many Bisons


10. My Favorite: one impressive Wolf!


And many more…

10 “geistige” Dinge, die ich beim Reisen gelernt habe

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1. Dankbarkeit (für? Einfach alles!)2. Toleranz (Ich (vegan) habe Fleisch für unseren Host zubereitet. Das ist kein gutes Beispiel, denn es geschah aus Abstumpfung. Ich würde es nicht wieder tun. Aber ich möchte nicht mehr versuchen, jemanden zu ändern. Jeder lebe, wie er es für richtig halte.

3. Selbstreflexion

4. Geduld (nach sechs Platten, drei mal komplett totem Auto (davon einmal mitten im Nirgendwo), einem brennenden Ofen etc… kann mich glaube ich nichts mehr so leicht aus der Fassung bringen..

5. Annahme 

6. Loslassen

7. Flexibilität (unverzichtbar!)

8. Humor oder eher heitere Gelassenheit (wenns nur noch zum Heulen ist, dann lieber lachen:))

9. Kommunikation (ich habe noch nie in solch kurzem Zeitraum so viele Menschen kennen gelernt) 

10. Noch wichtiger: Zuhören (und ich lerne dabei nicht aus…)
Alle Punkte dieser Liste sind in ständiger Arbeit und sicher nie ganz erreicht. Und so füge ich noch einen 11. als Schmankerl hinzu, was ich wirklich lernen möchte:

11. im Hier und Jetzt sein. Leben. Denn, ich lebe, also bin ich.

Memories

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Und so wärme ich mich an den Gedanken des Vergangenen, hülle mich ein mit unzähligen Erinnerungen, während um mich herum alles gefriert. 

Stumpf wie ein Eiszapfen mag ich wirken und tatsächlich, ich fühle kaum noch. 

Du hast es passend in Worte verpackt, die Toleranz hat sich zu einem „alles egal“ entwickelt. 

Doch mein schneebedeckter Schutzpanzer birgt bei genauerer Betrachtung Risse. Eine unerschöpfliche Sammlung schöner, einzigartiger Momente und Begegnungen voller (Be)rührung, bringt auch das Kälteste zum schmelzen.

…und wehrlos gebe ich mich hin, ihm, dem bittersüßen Schmerz, der Hand in Hand mit der Erinnerung durch die schneebedeckten Berge in schweren Stiefeln daher kommt..

Patience

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9.10.1722:45 Uhr
Ich möchte geduldiger werden. Oder vielleicht ist Gelassenheit das richtige Wort. Dinge auch einmal ruhen lassen, wenn der Aufwand, etwas immer wieder anzusprechen größer ist, als der Lohn. Oder wie Astrid mir sagte: „Du musst Dich nicht um alle(s) kümmern. Kümmere Dich um Dich selbst.“ Sie meinte auch, ich sei, wie ihr Mann, hochsensibel. Wer weiß, ich halte ja nicht so viel von diesen Bezeichnungen. So oder so; Ich übe mich in Gelassenheit. 
Heute, ohne Astrid, war es zuerst schwierig für mich. Es ist Thanksgiving, ich mache Hash Browns für Stephen, die anderen essen bereits vor uns. Wie immer. Egal. 

Später fahren wir mit dem Truck in dem Wald um Feuerholz zu holen. Genau genommen fahre ich, ja, ich, die weder Führerschein noch Fahrpraxis bis auf ein paar Runden auf dem Rebberg vor mindestens zehn Jahren und einer sehr kurzen, im Graben endenden Tour in Frankreich (Leo wird sich erinnern ;)) hat. Ich darf fahren. Und tatsächlich klappt es mit dem alten Automatiktruck so gut, dass ich auf dem Highway bis zu 90kmh fahre. Zum Glück begegnen uns nur wenige andere Autos, Kanada ist ja bekanntlich groß. Im Wald freue ich mich, endlich mal etwas Bewegung zu bekommen. Das Holz zu schleppen tut mir richtig gut und im Gegensatz zu den Mädels möchte ich gar nicht, dass es endet. Später darf ich sogar selbst einen toten Baum fällen und schneiden. Mir ist schon ein wenig mulmig, so ganz ohne Schutzkleidung, aber es funktioniert erstaunlich gut und macht Spaß.

Bevor ich abends das Thanksgivingdinner zubereite, darf ich sogar noch einmal zur Wasserstation fahren, um unsere Kanister aufzufüllen. Nach dem Essen schauen wir den Animationsfilm „Rio“ an und lassen den Abend ausklingen. Eigentlich ein sehr guter Tag, finde ich.

Morgen habe ich viel Zeit für mich, denn ich werde nicht mit in die Stadt fahren. Ich kann mich genauso gut im See waschen und es gibt kaum Einkäufe, das kriegen die zwei Mädels schon hin. Vielleicht schaffe ich es ja endlich mal, die Gegend etwas mit dem Rad zu erkunden…

Atlin, Skagway, Tierbegegnungen und der Alltag im Yukon 

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7.10.17 19:17 Uhr
Astrid ist morgen das letzte Mal da. Dann bin ich allein mit den zwei französischen Mädels. Das wird eine Herausforderung. Alles hier ist eine Herausforderung. Anders als geplant aber nun gut. Ich lebe in einem riesigen chaotischen Haus, dessen einziger Bezug zur Wildnis ist, dass wir chloriertes Wasser von einer Abholstation holen und unsere Elektrizität von einem Generator und Batterien beziehen, welche regelmäßig nachts entleert sind und mich piepend aus dem Schlaf reißen. Alle Nachbarn hingegen sind ans öffentliche Stromnetz angeschlossen und beziehen ihr Wasser frisch gefiltert aus dem See. Unsere Toilette befindet sich zwar draußen aber es wird weder kompostiert, noch trennt man das Papier, alles landet einfach in einem stinkenden Loch. Und obwohl Kanada großen Wert auf Recycling legt, verschwinden hier täglich Unmengen an unsortiertem Müll zusammen in einem schwarzen Sack, inklusive Kompost, ungespülten Dosen etc..

Das Haus ist riesig sowie unfertig, alles vollgestopft mit Büchern, DVDs, Fernseher etc. Im Garten stehen vier Autos, davon dienen zwei als Ersatzteillager. Und gearbeitet wird hier nicht wirklich. Wir bekommen Geld um die Einkäufe zu erledigen und einem einsamen Menschen Gesellschaft zu leisten. Und um das Kochen und den Abwasch werde ich mich wohl nach Astrids Abgang alleine kümmern müssen, denn die beiden anderen Mädels bevorzugen es, Pause zu machen, so wie sie es nennen. Wenn ich nachfrage, bekomme ich auch Aufgaben, diese sind jedoch unklar und meist schnell erledigt. Im Gegenzug werden wir regelmäßig mit dem Auto durch die Gegend gekarrt, bekommen einen unglaublich detaillierten Einblick in die Geschichte der Goldgräber und begegnen allerlei Tieren während unserer Ausflüge.


Die Mädels bleiben bis Donnerstagabend, dann kommt Alin äe aus der Schweiz und wir sind erst mal zu dritt. Ich hoffe, sie nimmt das hier ernster, denn unser Host kriegt den Mund leider meist nur im Einzelgespräch auf. Er ist ein wirklich lieber Kerl und ich fürchte, dass das von vielen nur allzu gerne ausgenutzt wird.
Nun aber zu den schönen Erlebnissen. Wie schon erwähnt sind wir sehr weite Strecken mit dem Auto unterwegs. Wir fahren durch Orte, wie Atlin, ein wundervoll verschlafen wirkendes Dörflein an einem großen See, umgeben von, wie sollte es anders sein, Bergen und mittlerweile schneebedeckten Gipfeln. Es gibt dort die Atlin Warm Springs, kleine warme Quellen, die sich jedoch als wir dort waren nicht annähernd wie die gemessenen 27 Grad anfühlten. Das Lagerfeuer, welches ich dieses Mal auf natürliche Weise (ohne Öl!) mit Melanie (einer ehemaligen Helferin die uns begleitete) machte, kam uns da sehr gelegen. Wir hatten uns für den Abend extra Masken angefertigt und Badekappen aufgezogen, damit wir nicht Stephens komische Hulagirlsverkleidungen (Kokosnussbhs..) anziehen mussten und er sich trotzdem über „Crazy guests“ freut und es funktionierte. Der Abend war eigentlich ganz angenehm, denn vorm Baden saßen Astrid, Melanie und ich ums Feuer und sangen und einmal machte Stephen sogar mit. Die Französinnen waren jedoch zu gehemmt und hatten auch keine Lust zu baden. Schade.


Die Tage besuchten wir Skagway in Alaska, wo ich ja bereits war jedoch nun, drei Wochen später und außerhalb er Saison wirkt das Städtchen viel einladender. Keine Fähren, keine Touristenströme. Wir gehen in ein Café, das auf mich typisch amerikanisch wirkt, Kaffee  wird jederzeit kostenfrei nachgeschenkt, wie man es aus den US-Serien kennt und auch das Inventar ist sehr authentisch. Wir erfahren viel über den Gold Rush im örtlichen Museum und während Stephen uns durch die Straßen führt auch über die Geschichte der Stadt, so zum Beispiel, dass es damals hier an die 80 Bordelle gab aber nur eine Kirche und dass das Red Onion, ebenfalls ein ehemaliges Bordell, seinen Platz nicht nur gewechselt hat (Männer zogen es samt Fundament näher auf die Hauptstraße), sondern auch, dass es verkehrt herum aufgestellt wurde und man es dann kurzerhand ein Stückchen kürzte und dieses Stück auf der anderen Seite wieder anbrachte, um Arbeit zu sparen.


Auf dem Rückweg fahren wir nach Dyea, dort entdecken wir am Fluss eine Grizzlybärin mit zwei Jungen. Was für ein Glück, um diese Jahreszeit und kurz vor Sonnenuntergang. Bereits am Tag zuvor sichteten wir einen Elch, ein Reh, eine Bisamratte und, was mich immer noch schwer beeindruckt, einen Wolf. Als wir umkehrten um den Wolf näher zu betrachten wich dieser nicht weit zurück, bestimmt zehn Minuten lief er immer wieder im Umkreis von zehn Metern um das Auto herum und selbst als ich ausstieg, war er zwar vorsichtig aber rannte nicht weg. Dieses Erlebnis war für mich bisher das schönste Tiererlebnis. Zudem es noch Vollmond war.

9.10.17

18 Uhr
Heute, auf dem Weg nach Whitehorse, kreuzte ein Koyote die Straße.

Nach ein paar unangenehmen, stressigen Diskussionen zwecks Wäsche und Einkauf trennten sich die Wege der französischen Mädels von Astrid und mir. Wir besuchten die evangelische Kirche. Am Gottesdienst, der von den Gemeindemitgliedern selbst gestaltet wird, nehmen mit uns gerade einmal 18 Menschen teil, trotzdem, die Stimmung ist angenehm und wir bleiben danach noch zum Thanksgiving Potluck. Dabei erfahren wir, dass die meisten Einwanderer sind, auch deutsche sind unter ihnen, die bereits vor dem Bau der Mauer bei uns hier kamen. Es sind nette Gespräche und ich werde denke ich wiederkommen, auch wenn der Altersdurchschnitt hier mein Alter um einiges übertrifft.

Später kann ich in Astrids Hotel duschen. Yey! Die letzte Nacht wird sie hier bleiben und wir fahren ohne sie zurück. Mir graut ehrlich gesagt davor mit den Mädels allein auskommen zu müssen und natürlich werde ich sie vermissen aber ich sammle hier ja Erfahrungen…