„Der Bartstreichler“

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Ich weiß, es gibt schon genug Texte über Männer und Bärte und mit Sicherheit sind sie alle um Längen besser als dieser, aber ich muss das jetzt loswerden. Es muss einfach raus. Also bitte verzeiht mir. Eigentlich mag ich Bärte. Eigentlich liebe ich sie sogar. Ein Mann mit mittellangem Haar, dunklen Augen, tiefer und doch angenehmer Stimme und dann: vollem, dunklen Bart…hrrr.. da kann ich schon grundsätzlich nicht widerstehen.

Bis zu diesem Augenblick neulich im Wartezimmer. 

Da saß er. Der Mann, der mein Verhältnis zu Bärten für immer verändern sollte…
Zuerst war es nur ein kleines Kratzen. Ein winziges Störgeräusch im Ohr, dass mein Hirn unter normalen Umständen wohl gar nicht registriert und in der Abteilung: unwichtig, keine Gefahr, abgestempelt hätte. Aber dann…
Dieses immer wieder kehrende Hin- und Herstreichen auf den Stoppeln, von rechts nach links, oben nach unten, quer, überkreuz.. zwischendurch wich er auf seinen Kopf aus, nur um festzustellen, dass dort wirklich nichts zum Streicheln und Liebkosen vorhanden war und um dann, zum Grauen meinerseits, wieder zurück zu kehren zu seinem abartigen, fast schon masturbistischen masturbatorischen (gibt es eines dieser Worte?) Streichelritual.

Jedes Umblättern der Seite seiner Wartezimmerlektüre, jede Whatts App Nachricht, die ihn zwang, seine Hände, wenn auch nur für Sekundenbruchteile, von seiner Gesichtsbehaarung zu entfernen, waren für mich goldene Momente des Aufatmens, der inneren Einkehr, des vollkommenen Glücks, in denen ich fast schon kurz daran zweifelte, dass ein Mord an eben diesem Bartstreichler bestimmt kein großes Verbrechen sei und selbst wenn, die 12-15 Jahre im Gefängnis wären nichts gegen die Pein, der ich mich ausgesetzt sah…
Was also tun? Wie dieser unmenschlich menschlichen Situation entkommen? Wie mich befreien aus den Fängen dieses grausigen Gefühls, dass ununterbrochen immer stärker in einem wächst, mit jedem

Strich, jedem Kreisen über die tönenden Stoppeln und einem einen Schauer über den Rücken, nein gar den ganzen Körper jagt, ähnlich dem Lachen des Clowns aus SAW.. 

Wie diesem Geräusch entkommen, diesem knusprig behafteten Knirschen, wie beim leichten immer wieder An-zerknüllen einer Brötchentüte..
Sollte ich ihn ansprechen? Könnte man das? Oder doch lieber gleich umbringen? Und wenn ja, wie? Kurz und schmerzlos stände in keiner Relation zu der inneren Qual, die ich auszuhalten hatte. Flucht war auch keine Option. Ist sie nie (Aber das nur am Rande bemerkt). Nie!
Dann wurde er aufgerufen. 

Ich atmete lautstark erleichtert auf.
Kurz nur blieb der Platz neben mir leer. Dann setzte sich ein Pärchen neben mich. Er hatte eine knirschende Tüte mit noch knirschenderem, Essbarem dabei…

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Im Wartezimmer

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Und dann kommt einer in dein Leben und erinnert dich. Einfach so. Dreist setzt er sich dir auf die Schulter und plaudert ununterbrochen auf dich ein.

Und du erinnerst dich. Ob du willst oder nicht.
Und plötzlich merkst du wie sehr du sie vermisst. Alle die da waren. Und die da noch sind. Auf der Welt. In dieser Stadt. Oder einer fremden. Nah. Fern. Was sind das schon für Kategorien. Subjektiv fühlt es sich immer anders an.

Und der, der auf deinen Schultern sitzt, er setzt dir Flausen ins Ohr. Pflanzt sie in deinen Kopf, viele kleine Ideen und Phantastereien.

Und du wunderst dich.
Du wunderst dich, denn du weißt, dass stets nur wenige Samen zu kräftigen Bäumen wachsen, denn du erinnerst dich.
Trotzdem glaubst du zu spüren, wie einer nach dem anderen keimt. Sich öffnet. Spriest und wächst. Und der, der da sitzt gießt die Setzlinge mit Worten.

Und aus Worten werden Sätze.

Und aus Sätze Geschichten.

Und aus Geschichten werden…

Und plötzlich wird es still auf deiner Schulter.
Gespannt spitzt du die Ohren und lauscht. Und du erinnerst dich. Wie sehr du es vermisst. Und willst. Und, dass es in dir ist. Das Leben.

Und du erinnerst.
Und du lauschst.
Und erinnerst.

Manchmal werden aus Geschichten Taten. Und diese Taten werden Geschichten.

Erinnere dich!

Irgendwo im Nirgendwo als ich noch schlief

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Ich stand mit Euch so oft schon am Abgrund, der Klippe, kurz vor dem Fall. Manchmal sprangen wir mit Absicht ins endlos tiefe, eisige Wasser.

Ich weiß wie man schwimmt, sagte ich.

Und Du wusstest, wie man fliegt, ohne aufzuprallen. Und wie man immer wieder auf den Händen landet.

Und er, er wusste, wie man liebt.
Wie man im Regen tanzt, um die Tränen verschwinden zu lassen, dass wussten wir alle.

Doch meist war uns das gar nicht bewusst. Naiv, wie wir waren (oder hoffentlich immer noch sind) war alles verblendet, von Licht, getäuscht von Rotwein mit Sonnenstrahlen.

Und der Rauch des Ofens, an dem wir uns wärmten, zerfetzte und heimlich fast die Lungen. Und die Steine, neben denen wir schliefen, zersprangen unmerklich viel zu nah an unseren Köpfen. Und der Fahrtwind, der uns erfrischte, wehte uns fast vom Dach auf den harten Boden aus Beton.

Jetzt, da ich mich erinnere und mir bewusst wird, welcher Gefahr wir blind ins Auge blickten, fröstelt es mich.

Doch gleichsam brennt die Kälte wie Feuer, ein Funken, der aufglimmt.

In manchen Momenten, nein gar sehr oft wünsche ich mir, wieder blind zu sein. Täusch mich noch einmal, und immer wieder, Leben!

Ich bin schon wieder zu sicher und sehne mich nach dem Gefühl aufgekratzter Knie und verbrannter Fingerspitzen.

Und Euch neben mir, während Regen an die Scheiben prasselt und wir uns aneinander wärmen, auf einem kahlen Parkplatz im Nirgendwo an der Autobahn, in schmutzigen Laken.

Nie wieder habe ich so gut geschlafen.

Geöffnet 

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Ich lausche dem Regen ebenso, wie ich gestern Deinen regen Worten lauschte

Ihr Hall klingt noch nach in den zahllosen Tropfen, welche springend und doch sanft, stetig an mein Fenster klopfen.

Herein! 

Ruf ich laut stumm den Tanzenden zu. Herein, all ihr Worte, nur zu, es ist offen!

Über das Alleinsein(wollen)..

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So oft habe ich das Bedürfnis, allein zu sein. Am liebsten in der Natur. Einsam, denken da viele. Und dennoch bin ich alles andere als das. Früher hatte ich oft Angst, allein zu sein. Konfrontiert mit dem Selbst. Ich bin von Natur aus sehr redselig und gesellig, das wird jeder bestätigen, der mich kennt. Nicht nur im privaten, auch beruflich arbeite ich mit und für Menschen. Ich genieße die Gesellschaft und die Nähe von Ihnen. Ich lerne von Ihnen. Und doch liebe ich es, allein zu sein. Und fühle mich dabei ganz und gar nicht einsam. Im Gegenteil.

Die folgende Geschichte erklärt dieses Phänomen deutlicher, als ich es je könnte. Vielleicht versteht ihr mich ja durch die Worte Papinis. Und womöglich traut nach dieser Lektüre sich der ein oder andere, auch mal öfter allein zu sein. Um endlich wirklich Du selbst und somit frei zu sein…

Eine Geschichte von Giovanni Papini

Wer bist Du?

Wie immer war Sinclair auch an diesem Tag morgens um sieben Uhr aufgestanden. Wie jeden Tag schlurfte er in seinen Pantoffeln ins Bad, duschte, rasierte und parfümierte sich. Er kleidete sich wie immer nach der neuesten Mode und ging zum Briefkasten, um nach der Post zu schauen. Dort erwartete ihn die erste Überraschung des Tages: Der Briefkasten war leer!

Während der letzten Jahre hatte seine Korrespondenz beständig zugenommen und war zum wichtigen Faktor seiner Kommunikation mit der Außenwelt geworden. Ein wenig verstimmt über die Nachricht, keine Nachrichten bekommen zu haben, nahm er sein übliches Frühstück, Müsli und Milch (ärztlich verordnet), zu sich und verliess das Haus.
Alles war wie immer: Die gleichen Autos fuhren auf denselben Straßen und verursachten denselben, immer gleich lästigen Großstadtlärm. Al er den Platz überquerte, stieß er fast mit Professor Exer zusammen, einem alten Bekannten, mit dem er viele Stunden über so manches müßige metaphysische Problem diskutiert hatte. Er hob die Hand zum Gruß, aber der Professor schien ihn nicht zu erkennen.

Er rief ihn beim Namen, aber da war der Herr Professor bereits zu weit weg, so dass Sinclair vermutete, er habe ihn wohl nicht gehört. Der Tag hatte schlecht begonnen, und er schien sich angesichts der drohenden Langeweile in seiner Seele noch zu verschlimmern. Sinclair beschloss, nach Hause zurückzukehren, dort seine Lektüre und Forschungsarbeit fortzusetzen und auf die vielen Briefe zu warten, die sicherlich am nächsten Tag kommen würden, da sie heute ausgeblieben waren.
In dieser Nacht schlief er nicht gut und wachte zeitig auf. Er stieg aus dem Bett und begann schon während des Frühstücks aus dem Fenster nach dem Briefträger zu spähen. Schliesslich sah er ihn um die Ecke kommen, und sein Herz tat einen Freudensprung. Der Briefträger jedoch ging an seinem Haus vorbei, ohne innezuhalten.

Sinclair lief hinunter und rief hinter ihm her, ob denn keine Post für ihn gekommen sei, doch der Briefträger versicherte ihm, dass er nichts für ihn dabeihabe und dass es auch weder einen Poststreik gebe noch Verteilungsprobleme in der Stadt.
Statt ihn zu beruhigen, wühlte ihn das nur noch mehr auf. Irgendetwas war geschehen, und er musste herausfinden, was es war. Er zog sein Jackett an und machte sich auf den Weg zum Haus seines Freundes Mario.
Dort angekommen, liess er sich vom Hausdiener anmelden und wartete im Wohnzimmer auf seinen Freund, der auch bald eintrat. Mit offenen Armen ging er auf den Hausherrn zu, aber der fragte nur: „Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“

Sinclair hielt es für einen Witz, lachte gezwungen und bat um ein Glas Wein. Mit dem verheerenden Ergebnis, dass der Hausherr seinen Dieter rief und ihm befahl, den Fremden vor die Tür zu setzen, welcher angesichts der Lage die Beherrschung verlor und zu schreien und zu schimpfen begann, was dem kräftigen Angestellten nur noch mehr Grund bot, ihn gewaltsam auf die Strasse zu befördern…
Auf dem Heimweg begegnete Sinclair noch anderen Nachbarn, die ihn ignorierten oder ihn wie einen Fremden behandelten.

Ein Gedanke setzte sich in ihm fest: Man hatte sich gegen ihn verschworen, und er hatte irgendeinen seltsamen Fehler begangen, so dass ihn nun ablehnte, wer vor wenigen Stunden noch grosse Stücke auf ihn gehalten hatte.

Doch soviel er auch darüber nachgrübelte, er konnte sich an nichts erinnern, das als Beleidigung hätte gelten können, und schon gar nicht an etwas, das eine ganze Stadt gegen ihn hätte aufbringen können.
Zwei Tage lang blieb er zu Hause, wartete auf die Post, die nicht kam, oder wünschte sich den Besuch seiner Freunde herbei, die, weil sie ihn vermissten, vorbeikommen würden, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Aber nichts dergleichen geschah: Kein Mensch näherte sich seinem Haus. Die Reinemachefrau blieb aus, ohne sich abzumelden, und das Telefon klingelte nicht mehr.
Etwas wagemutig geworden durch ein Glas zuviel, beschloss Sinclair, in die Bar zu gehen, in der er sich sonst mit seinen Freunden traf, um die alltäglichen Nichtigkeiten zu besprechen. Kaum war er eingetreten, sah er sie wie üblich an ihrem Stammtisch in der Ecke sitzen. Der dicke Hans erzählte denselben alten Witz wie immer, und alle amüsierten sich wie gewöhnlich. Sinclair nahm sich einen Stuhl und setzte sich dazu. Sofort trat eisiges Schweigen ein, das deutlich machte, wie unerwünscht der letzte Ankömmling in der Runde war. Sinclair hielt es nicht mehr aus.
„Darf man wissen, was ihr plötzlich alle gegen mich habt? Wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann sagte es mir, und wir regeln das, aber hört auf, mich wie Luft zu behandeln, das macht mich noch wahnsinnig.“
Die anderen schauten sich an, manche amüsiert, andere verärgert. Einer tippte sich zur Diagnose des Hinzukömmlings an die Stirn. Sinclair bat weiter um eine Erklärung, dann flehte er, und zuletzt fiel er auf die Knie und bettelte darum, man möge ihm sagen, was er denn verbrochen habe, dass man ihm das antat.
Nur einer war bereit, das Wort an ihn zu richten.

„Guter Mann, niemand von uns kennt Sie, also können Sie uns auch nichts angetan haben. Wir wissen noch nicht einmal, wer Sie sind.“
Tränen stiegen ihm in die Augen, er verliess das Lokal und schleppte seine sterbliche Hülle nach Hause. Ihm war, als wöge jeder seiner Füsse mehr als eine Tonne.

Zu Hause angekommen, warf er sich auf sein Bett. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, war er zu einem Unbekannten geworden, zu einem Abwesenden. Aus den Adressbüchern seiner Briefpartner radiert wie auch aus dem Gedächtnis seiner Bekannten, und erst recht aus den Herzen seiner Freunde. In seinem Geist machte sich schlagartig ein Gedanke breit: die Frage, die sich die anderen stellten und die auch er selbst sich allmählich zu stellen begann: „Wer bist Du?“
Konnte er diese Frage wirklich beantworten? Er kannte seinen Namen, seine Adresse, seine Kragenweite, seine Ausweisnummer und ein paar andere Daten, die ihn nach aussen hin definierten. Aber war das schon alles? Wer war er wirklich in seinem tiefsten Innern? All die Vorlieben und Aktivitäten, die Neigungen und Ideen, waren das wirklich seine eigenen? Oder waren sie, wie vieles andere auch, der Versuch, diejenigen nicht zu enttäuschen, die erwarteten, dass er der war, der er immer gewesen war?
Da begann es ihm zu dämmern: Ein Unbekannter zu sein befreite ihn davon, etwas Bestimmtes sein zu müssen. Er konnte sein, wie er wollte, an der Reaktion der anderen auf ihn war sowieso nicht zu rütteln.
Zum ersten Mal seit Tagen hatte er einen beruhigenden Gedanken: Er befand sich in einer Situation, die es ihm erlaubte, aus freien Stücken zu handeln, ohne auf die Bestätigung der Aussenwelt zu warten.
Er atmete tief und spürte die Luft wie neu in seine Lungen dringen. Er merkte, wie das Blut durch seine Adern lief, spürte den Herzschlag und war überrascht, das er zum ersten Mal nicht zitterte.

Jetzt, wo er schliesslich und endlich wusste, dass er allein war, dass er es immer gewesen war, dass er niemanden hatte ausser sich selbst, jetzt konnte er lachen oder weinen. Aber für sich selbst, nicht für die anderen. Endlich hatte er begriffen:
Dass seine eigene Existenz nicht von den anderen abhing.
Er hatte entdeckt, dass es nötig gewesen war, allein zu sein, um sich selbst zu begegnen.

Er schlief einen tiefen und ruhigen Schlaf und träumte süss.

Um zehn Uhr früh wachte er auf und bemerkte, dass um diese Zeit ein Sonnenstrahl durchs Fenster fiel, der sein Zimmer in ein zauberhaftes Licht tauchte.

Ohne zu baden, ging er die Treppe hinunter, summte ein ihm völlig unbekanntes Lied vor sich hin und fand unter seiner Tür eine riesige Menge an ihn adressierter Briefe.
Die Reinmachefrau war in der Küche und grüsste ihn, als wäre nichts gewesen.

Abends, in der Bar, schien sich keiner mehr an diese seltsam verrückte Nacht zu erinnern. Jedenfalls macht niemand auch nur die geringste Bemerkung in dieser Richtung.
Alles ging wieder seinen normalen Ging, bis auf ihn,

ihn, der zum Glück nie wieder jemanden brauchte, der ihn ansah, um zu wissen, dass er lebendig war,

ihn, der nie wieder die Aussenwelt darum bitten musste, ihn zu definieren,

ihn, der nie wieder Angst vor Zurückweisung hatte.
Alles war wie immer, nur dass dieser Mann nie wieder vergass, wer er war.

alltäglich?

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Auch ganz „normale“ Tage können voll von Erkenntnis sein. Das durfte ich heute gleich mehrmals erleben.
Ziemlich gestresst hatte ich nach der Arbeit noch einen Termin wahrgenommen, kurz darauf schrieb mir ein Bekannter folgendes: „Na, wie gehts dir heute? Ich hoffe du hasts heute auch so schön sonnig in Freiburg und auch Luft zum Atmen. Das rettende Wochenende ist noch so weit weg. Die Vision von meinem neuen Leben in 1 Jahr hält mich am leben. Verrückt wie Millionen Menschen ohne so eine Vision jeden Morgen wieder brav ins Hamsterrad steigen und eifrig strampeln und strampeln und strampeln… ohne zu klagen! Ich beneide sie so!“. 

Ohne groß zu überlegen antwortete ich: „Beneide nicht die Blinden. Sie sehen den Dreck nicht. Aber sie sehen auch nicht die Sonne.“ 

Nachdem ich diesen Satz abgeschickt und mir noch einmal durchgelesen hatte, kam ich mir sehr weise vor. Bestimmt hat irgend ein Mensch diesen schon einmal solider ähnlich formuliert aber mir ist dann aufgefallen wie viel darin steckt. Auch für mich. Seit ich vegan und achtsamer lebe, habe ich mich schon so oft über das Konsumverhalten der Menschen in Bezug auf Lebensmittel aber auch Kleidung, Medien etc. aufgeregt. Es ist anstrengend und nicht selten ermüdend zu sehen, wie viele doch scheinbar blind leben und augenscheinlich nichts ändern wollen. Ich selbst war auch eine von Ihnen. Und bestimmt verschließe ich in gewissen Dingen auch häufig unbewusst meine Augen. Vielleicht aus Selbstschutz? Mit offenen Augen durchs Leben zu gehen (und bestimmt sind meine immer noch für sehr vieles nicht geöffnet) scheint uns oft anstrengend und aufwendig, dennoch würde ich es nie wieder hergeben, mein neues Augenlicht so zu sagen, denn es hat mein Leben unglaublich bereichert.

Daran möchte ich mich öfter erinnern.

„Beneide nicht die Blinden. Sie sehen den Dreck nicht. Aber sie sehen auch nicht die Sonne.“ 

Später bin ich noch mit dem Hund meiner Nachbarin spazieren gegangen. (Das birgt übrigens in Bezug auf Männer ungeahnte Kennenlernmöglichkeiten, dies nur am Rande ;))
Auf dem Rückweg bin ich mit Elli (so heißt meine Begleitung) dann in eine Seitenstraße eingebogen, welche ich schon immer mal entlang gehen wollte, da ich mich oft gefragt habe, wohin diese wohl führt aber irgendwie nie gegangen bin. Es war eine Sackgasse. Eine Frau rief mir zu, wo der Weg weitergeht und ich entgegnete: „Ja, ich weiß Bescheid, nur wollte ich schon immer mal sehen, wo dieser Weg hinführt und man kann oft sehr schönes entdecken, wenn man neue Wege geht. Manchmal ist halt auch eine Sackgasse dabei“.

Wir beide lachen. Und ich fühlte mich wieder sehr weise. 

Ich glaube, ich werde alt; Jetzt muss ich nur noch etwas bescheidener werden…