Monstertage Teil 3

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Die nächsten Wochen waren komplett Monsterfrei. Ich konnte wieder ganz normal das Haus verlassen. Kein Monster. Ich ging zur Arbeit. Kein Monster. Ich fing sogar wieder an, regelmäßig zu laufen. Nirgendwo ein Monster in Sicht. Und das verwunderliche an allem war, es machte mir Freude.

Ich hatte auf einmal wieder Lust, Menschen zu mir einzuladen und mich mit ihnen stundenlang bei einem Getränk auf dem Balkon oder einem Spaziergang im Freien zu unterhalten. Das Aufstehen fiel mir so leicht, dass ich kaum schlafen wollte, so sehr freute ich mich auf jeden neuen Tag. Bei der Arbeit lachte ich auf einmal wieder häufig und ich war dankbar für meine Kollegen. Nach der Arbeit war ich nie zu müde, um nicht noch mit dem Hund zum See zu fahren. Ich schwamm unendliche Bahnen und das Gefühl des kalten Wassers auf meiner Haut machte mich glücklich.

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Zu dieser Zeit begann ich, Dich häufiger anzurufen, und obwohl es Dir oft nicht gut ging, hatte ich das Gefühl, Dir etwas von meiner wiedergewonnen Lebensfreude mitgeben zu können.

Bald darauf besuchten wir uns häufiger. Mehr warst Du bei mir, denn so war die Chance größer, dass Dein Monster Zuhause blieb.

Und wir lachten zusammen. Schaukelten in Hängematten. Lagen uns in den Armen und küssten uns so eng umschlungen, dass da kein noch so kleines Monster zwischen uns Platz gehabt hätte.

Für mich war diese Zeit wie ein andauerndes Wunder.

Und kurz darauf, geschah tatsächlich eines, was ich mir zwar erträumt jedoch nicht getraut zu erhoffen hatte.

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Als ich Dir von unserem Wunder mitteilte, reagiertest Du verstört, denn Dein Monster redete Dir allen möglichen Unsinn ein, dass wir das nicht schaffen könnten und dass das, was in Wahrheit etwas echtes, gutes und zweifelsfrei wundervolles war, bedrohlich sei und nicht machbar wäre. Dabei brauchte es nur Liebe. Und Glaube. Und Hoffnung an das Gute. Alles Dinge, die Dir Dein Monster genommen hatte. Und die ich nun doppelt haben musste. Und so weinte ich viel, obwohl ich so unendlich dankbar war. Und als mein Monster auf einmal wieder in der Tür stand, verjagte ich es schreiend und hielt an diesem unglaublich starken Gefühl in mir fest, dass alles gut würde.

Doch je mehr wir redeten, desto mehr wankte ich, denn ich hatte auf einmal nicht mehr genug Kraft, gleichzeitig Dich und unser Wunder zu halten. Und es war so mühsam, immer wieder zu versuchen, Dir diese Freude in mir zu schenken, denn mein Lächeln, meine Worte, meine Liebe, sie prallten an Dir ab. Dein Monster baute eine große Mauer zwischen uns auf und während ich noch mit aller Kraft gegen diese ankämpfte, merkte ich nicht, dass eigentlich unser Wunder gerade all meine Kraft benötigte.

Und so lies ich es los.

Und es ging.

Still und doch kraftvoll verabschiedete es sich von mir. Ich nahm es hin. Nahm Abschied. Ich versuchte, Dich miteinzubeziehen. Du warst da.

Doch wie auch immer, auf einmal war ich der einsamste Mensch der Welt, neben Dir. In Deinen kalten Armen. Mit dieser riesigen, schwarzen Leere in mir, wo einst das Herz unseres Wunders schlug. Und um nicht ganz allein zu sein, ging ich zur Tür und öffnete meinem Monster, welches so groß und stark wie niemals zuvor auf mich gewartet hatte.

Das Monster umschlang mich mit seinen riesigen Pranken und ich versank einfach in ihm. Ich wurde wehrlos. Willenlos. Haltlos.

Ein Spielball des Monsters. Und es war mir alles egal.

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Dann machte ich einen großen Fehler, denn ich war nicht mehr ich. Ich war das Monster. Und ich hatte keine Freude verdient, denn ich hatte unser Wunder einfach nicht festhalten können. Und um mich zu bestrafen, lies ich Dich los. Und genauso kampflos wie ich, liest Du Dich fallen.

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Nun, ist dies das Ende? Eine trostlose Einöde, in der die Monster letztendlich siegen und wir irgendwann zu existieren aufhören, da wir eins mit Ihnen werden? Oder gibt es ein Happy End, einen Morgen, an dem wir aufwachen und unsere Monster sind einfach verschwunden. Endgültig. Und unser Leben ist rosig und bunt?

Ich glaube an keine dieser beiden Optionen. Doch in schlaflosem Nächten wie diesen, die voller scheinbar unerschöpflicher Tränen sind, schreibe ich diese Zeilen. Und da keimt von Zeit zu Zeit ein kleiner Funken Hoffnung in mir auf. Und diese Ahnung, dieses Erinnerung, dieser untrügliche Glauben an Dich. An uns. An Wunder. Denn bei all der Leere und der Dunkelheit und all den Tränen weiß ich doch aus Erfahrung, dass Wunder geschehen. Auch, wenn sie manchmal nicht so lange bleiben, wie wir es wünschen.

Und nicht nur unser Wunder geht mir nicht mehr aus dem Herzen. Auch Du bleibst ein Teil von mir. Auch Du bist eines meiner Wunder, vom ersten Moment an gewesen.

Trotz all meiner Fehlentscheidungen, halte ich Dich noch, auch wenn Du das nicht spürst. Und ich warte, nicht tatenlos sondern mit Kampfgeist, auf den Tag, an dem vielleicht wieder ein Wunder geschieht. In mir. In Dir. Oder in uns.

Und solange ich daran festhalte, wird das Monster nie ganz gewinnen.

Hoffnung ist stärker als alles. Und ist sie noch so klein. Und ich habe nicht nur sie. In mir sind Hoffnung,  Glaube und Liebe. Und somit bleibe ich unbesiegbar.

Monstertage Teil 2

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Das Monster war also zurück. Vielleicht hatte  es mich auch nie wirklich verlassen und mir war durchaus bewusst gewesen, dass so ein Monster nicht ohne ist und man sehr auf der Hut sein muss, gerade in Momenten, in denen man denkt, man sei nun sicher. Und trotzdem, ich konnte nicht verhindern, dass es wiederkam. Ich bemerkte es einfach nicht. Und von einem Moment auf den anderen stand es wieder vor mir. Es schien mir, als ob es nun stärker geworden war, als zuvor und so beschloss auch ich, stärker zu werden.

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Danach ging ich einmal die Woche zu einem professionellen Monstervertreiber und auch das half bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir das Monster auch durch diese Tür folgte und dem Monstervertreiber unbeeindruckt die Zähne zeigte und sich mir auf den Sessel auf meinen Schoß setzte. Der Monstervertreiber redete ab da mehr mit dem Monster als mit mir. Und so nahm ich das Monster nun jedes Mal freiwillig mit, denn ich selbst hatte ja sowieso nichts mehr zu erzählen.

Oft kam ich aber auch gar nicht erst beim Monstervetreiber an, den das Monster kletterte sich an meine Beine und zigumich mit aller Kraft zurück ins Bett, wo es sich dann gemütlich auf meine Brust niederlies und vor sich hin döste. Während ic/ bewegungsunfähig war.

Kurz darauf hörte ich auf, das Monster zu sedieren, denn es brachte ohnehin nicht mehr, als dass ich selbst nicht ganz ich war und ich brauchte mein volles Bewusstsein, um dem Monster wach und selbstbewusst entgegen treten zu können. 

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An diesen Tagen begann ein kurzer, harter Kampf und ich fühlte mich schwächer als je zuvor. Das Monster weckte mich bereits früh morgens. Es hatte nun, da es nicht mehr ruhig gestellt war, offensichtlich neue Fähigkeiten erlangt, denn es drückte nicht einfach nur sein unerträglich schweres Gewicht auf mich, nein, es hatte tatsächlich gelernt zu sprechen. Mit teuflisch süßer Zunge flüsterte es mir die verrücktesten Dinge ins Ohr. Ich werde diese hier nicht wiedergeben, denn ich weiß ja, dass sie ohnehin nicht wahr sind aber ich gebe zu, es fiel mir schwer, die Worte des Monsters in meinem Kopf von meinen eigenen Gedanken zu unterscheiden. Und dann gibt es da ja noch die Wahrheit. Wer von uns hatte recht? Und was tun, wenn einem der andere so laut in die Ohren schreit, dass du dich selbst kaum mehr hören kannst? 

Ich versuchte mir meine Wahrheit immer wieder sanft aber nachdrücklich vorzusagen und so konnte ich die Stimme des Monsters zumindest ein wenig in den Hintergrund verschieben. Ich lenkte mich mit Arbeit ab, doch selbst dort kam das Monster nun mit. Es lies es laut knallen neben meinem Kopf, es rüttelte an mir und legte mir Gegenstände in den Weg, sodass  ich mein Gleichgewicht zu verlieren drohte. Es pustete Nebel aus, sodass es mir die klare Sicht nahm. Es versalzte mein Essen und Nachts lies es mich nicht schlafen. Doch ich wusste es wäre vorübergehend. Und ich wollte diesen Kampf unbedingt gewinnen.

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Und, was nicht zu verachten ist, da warst ja noch Du. Ich rief Dich an und erzählte Dir von dem Monster und wie es stärker geworden war und wie schwach ich mich fühlte. Und du hörtest mir zu. Du nahmst mich ernst. Und dann kamst Du zu mir. 

Es wirkte fast, als hättest Du Dein Monster für diese Zeit zu Hause gelassen. Zumindest an diesem einen Tag war es nirgends zu sehen. Und so lief ich mit Dir trotz Schwindel und Geschrei und den ganzen bösen Worten und Dingen und Gedanken im Kopf über mich, welche mir das Monster unaufhörlich einflüsterte. Wir liefen gemeinsam und ich ignorierte das Monster. Wir sprachen gemeinsam und das Monster schwieg auf einmal. Wir saßen gemeinsam und das Monster verkroch sich unter den Tisch. Wir lagen zusammen und das Monster blieb draußen. Und als wir am nächsten Morgen aufwachten, war mein Monster auf einmal verschwunden. 

Ich drehte mich zu Dir um und sah etwas kleines, unscheinbares auf Deiner Brust hüpfen. Du hattest die Augen noch geschlossen, warst noch halb im Traum versunken. Ich erkannte Dein Monster. Es war kleiner geworden und ich, so stark und monsterlos in diesem Moment, wollte es mit meinem Finger wegschnipsen. Ich beugte mich zu Dir, so nah, dass Dein Atem meine Haut berührte. Ich könnte fast Dein Löwenherz schlagen hören. Ich fixierte Dein Monster mit meinem Blick und hob die rechte Hand zum Angriff, doch da öffnetest Du schon Deine Augen. 

Ich sah die Leere in Deinem Blick, ich wollte sie füllen. Ich wollte Dich auffangen. Umarmen. Dich halten. Ich wollte Dir immer wieder sagen, dass jetzt alles gut würde. 

So streckte ich meine Hand zu Dir doch Du drehtest Dich nur von mir weg und ich sah, wie Dein Monster wuchs und wuchs und Du Dich ihm scheinbar kampflos ergabst. 

Kurz darauf fuhrst Du weg. Dein Monster saß fest angeschnallt auf dem Rücksitz. 

Mein Monster war anscheinend vereist. Doch ich fühlte mich hilflos, denn ich konnte Dir nicht helfen.