Atlin, Skagway, Tierbegegnungen und der Alltag im Yukon 

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7.10.17 19:17 Uhr
Astrid ist morgen das letzte Mal da. Dann bin ich allein mit den zwei französischen Mädels. Das wird eine Herausforderung. Alles hier ist eine Herausforderung. Anders als geplant aber nun gut. Ich lebe in einem riesigen chaotischen Haus, dessen einziger Bezug zur Wildnis ist, dass wir chloriertes Wasser von einer Abholstation holen und unsere Elektrizität von einem Generator und Batterien beziehen, welche regelmäßig nachts entleert sind und mich piepend aus dem Schlaf reißen. Alle Nachbarn hingegen sind ans öffentliche Stromnetz angeschlossen und beziehen ihr Wasser frisch gefiltert aus dem See. Unsere Toilette befindet sich zwar draußen aber es wird weder kompostiert, noch trennt man das Papier, alles landet einfach in einem stinkenden Loch. Und obwohl Kanada großen Wert auf Recycling legt, verschwinden hier täglich Unmengen an unsortiertem Müll zusammen in einem schwarzen Sack, inklusive Kompost, ungespülten Dosen etc..

Das Haus ist riesig sowie unfertig, alles vollgestopft mit Büchern, DVDs, Fernseher etc. Im Garten stehen vier Autos, davon dienen zwei als Ersatzteillager. Und gearbeitet wird hier nicht wirklich. Wir bekommen Geld um die Einkäufe zu erledigen und einem einsamen Menschen Gesellschaft zu leisten. Und um das Kochen und den Abwasch werde ich mich wohl nach Astrids Abgang alleine kümmern müssen, denn die beiden anderen Mädels bevorzugen es, Pause zu machen, so wie sie es nennen. Wenn ich nachfrage, bekomme ich auch Aufgaben, diese sind jedoch unklar und meist schnell erledigt. Im Gegenzug werden wir regelmäßig mit dem Auto durch die Gegend gekarrt, bekommen einen unglaublich detaillierten Einblick in die Geschichte der Goldgräber und begegnen allerlei Tieren während unserer Ausflüge.


Die Mädels bleiben bis Donnerstagabend, dann kommt Alin äe aus der Schweiz und wir sind erst mal zu dritt. Ich hoffe, sie nimmt das hier ernster, denn unser Host kriegt den Mund leider meist nur im Einzelgespräch auf. Er ist ein wirklich lieber Kerl und ich fürchte, dass das von vielen nur allzu gerne ausgenutzt wird.
Nun aber zu den schönen Erlebnissen. Wie schon erwähnt sind wir sehr weite Strecken mit dem Auto unterwegs. Wir fahren durch Orte, wie Atlin, ein wundervoll verschlafen wirkendes Dörflein an einem großen See, umgeben von, wie sollte es anders sein, Bergen und mittlerweile schneebedeckten Gipfeln. Es gibt dort die Atlin Warm Springs, kleine warme Quellen, die sich jedoch als wir dort waren nicht annähernd wie die gemessenen 27 Grad anfühlten. Das Lagerfeuer, welches ich dieses Mal auf natürliche Weise (ohne Öl!) mit Melanie (einer ehemaligen Helferin die uns begleitete) machte, kam uns da sehr gelegen. Wir hatten uns für den Abend extra Masken angefertigt und Badekappen aufgezogen, damit wir nicht Stephens komische Hulagirlsverkleidungen (Kokosnussbhs..) anziehen mussten und er sich trotzdem über „Crazy guests“ freut und es funktionierte. Der Abend war eigentlich ganz angenehm, denn vorm Baden saßen Astrid, Melanie und ich ums Feuer und sangen und einmal machte Stephen sogar mit. Die Französinnen waren jedoch zu gehemmt und hatten auch keine Lust zu baden. Schade.


Die Tage besuchten wir Skagway in Alaska, wo ich ja bereits war jedoch nun, drei Wochen später und außerhalb er Saison wirkt das Städtchen viel einladender. Keine Fähren, keine Touristenströme. Wir gehen in ein Café, das auf mich typisch amerikanisch wirkt, Kaffee  wird jederzeit kostenfrei nachgeschenkt, wie man es aus den US-Serien kennt und auch das Inventar ist sehr authentisch. Wir erfahren viel über den Gold Rush im örtlichen Museum und während Stephen uns durch die Straßen führt auch über die Geschichte der Stadt, so zum Beispiel, dass es damals hier an die 80 Bordelle gab aber nur eine Kirche und dass das Red Onion, ebenfalls ein ehemaliges Bordell, seinen Platz nicht nur gewechselt hat (Männer zogen es samt Fundament näher auf die Hauptstraße), sondern auch, dass es verkehrt herum aufgestellt wurde und man es dann kurzerhand ein Stückchen kürzte und dieses Stück auf der anderen Seite wieder anbrachte, um Arbeit zu sparen.


Auf dem Rückweg fahren wir nach Dyea, dort entdecken wir am Fluss eine Grizzlybärin mit zwei Jungen. Was für ein Glück, um diese Jahreszeit und kurz vor Sonnenuntergang. Bereits am Tag zuvor sichteten wir einen Elch, ein Reh, eine Bisamratte und, was mich immer noch schwer beeindruckt, einen Wolf. Als wir umkehrten um den Wolf näher zu betrachten wich dieser nicht weit zurück, bestimmt zehn Minuten lief er immer wieder im Umkreis von zehn Metern um das Auto herum und selbst als ich ausstieg, war er zwar vorsichtig aber rannte nicht weg. Dieses Erlebnis war für mich bisher das schönste Tiererlebnis. Zudem es noch Vollmond war.

9.10.17

18 Uhr
Heute, auf dem Weg nach Whitehorse, kreuzte ein Koyote die Straße.

Nach ein paar unangenehmen, stressigen Diskussionen zwecks Wäsche und Einkauf trennten sich die Wege der französischen Mädels von Astrid und mir. Wir besuchten die evangelische Kirche. Am Gottesdienst, der von den Gemeindemitgliedern selbst gestaltet wird, nehmen mit uns gerade einmal 18 Menschen teil, trotzdem, die Stimmung ist angenehm und wir bleiben danach noch zum Thanksgiving Potluck. Dabei erfahren wir, dass die meisten Einwanderer sind, auch deutsche sind unter ihnen, die bereits vor dem Bau der Mauer bei uns hier kamen. Es sind nette Gespräche und ich werde denke ich wiederkommen, auch wenn der Altersdurchschnitt hier mein Alter um einiges übertrifft.

Später kann ich in Astrids Hotel duschen. Yey! Die letzte Nacht wird sie hier bleiben und wir fahren ohne sie zurück. Mir graut ehrlich gesagt davor mit den Mädels allein auskommen zu müssen und natürlich werde ich sie vermissen aber ich sammle hier ja Erfahrungen…

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