Nicht(s) vergessen

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Nichts vergessen

Er steht da. Er steht einfach nur da. Mitten in der Stadt. Mitten in der Stadt steht er da und beobachtet. Er beobachtet die Menschen. Er beobachtet, wie sie rennen, von einem Einkaufsladen in den nächsten. Er grinst. Er grinst doch seine Augen scheinen ernüchtert. Er steht fasst reglos da mit seinem alten, vergilbten Mantel, dem seit einigen Jahren ergrauten Bart und diesem erschreckend nüchternen Blick und schüttelt den Kopf. Immer wieder schüttelt er kaum merklich den Kopf. Ob sie es vergessen haben? Die ganze Zeit über schreiben sie Listen. Klappern einen Laden nach dem nächsten ab, um Punkte von ihrer Liste streichen zu können. Um ja nichts zu vergessen. Und er schüttelt weiter den Kopf. Und beobachtet. Und denkt nach. Dabei vergessen sie das Wichtigste. Sie vergessen nichts und doch alles. Er schüttelt den Kopf und grinst nun nicht mehr. Er dreht sich um und geht. Er geht langsam, denn er hat Zeit. Er hat keine Angst zu vergessen. Er wird sich immer erinnern. Er wird nicht vergessen, nicht er. Doch genau dies macht ihm Angst; irgendwann der einzige zu sein, der sich noch erinnert. Er geht, kopfschüttelnd und langsamen Schrittes. Seine ausgelatschten Stiefel machen schleifende Geräusche auf dem asphaltierten Boden. Keiner hört sie. Keiner nimmt sie wahr. Keiner nimmt ihn wahr. Er hat Zeit. Er erinnert sich. Bald, ja bald, da ist Weihnachten.

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