#Writing Friday – Freiheit

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Ich habe beschlossen, mich dem #Writing Friday von Elizzy anzuschließen. Aufgabe für mich heute:

Dein Begriff von Freiheit

Was bedeutet Freiheit?

Heute war ein sonniger Tag. Ich war spazieren, konnte den Duft des Frühlings erahnen, dem Wind lauschen und das salzige Nass des Meeres in der Luft schmecken.

Ich kaufte mit meinem Geld reifes Gemüse bei einem Straßenhändler und erhaschte ein zahnloses Lächeln einer alten Bäuerin.

Am Abend machte ich Feuer im Kamin, setzte mich gemütlich hin und aß etwas von dem Leckeren Gemüse.

Ich telefonierte dank moderner Technik mit meiner besten Freundin, die über 3000km von mir entfernt in Deutschland ist, sie hörte mir zu und war für mich da.

Ich habe zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine, ich kann sehen, riechen, schmecken und gehen wohin ich will. Ich habe genug zu essen, Natur um mich herum und ein Dach über dem Kopf.

Freiheit wäre für mich, wenn ich diese Dankbarkeit und das Glück, das ich habe auch wirklich fühlen könnte.

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Reisetagebuch Yukon-Vancouver-Island Teil 4

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Heute wollte ich mal mit der Vorstellung aufräumen, dass, wenn Leute (ver)reisen, alles schön und gut ist. Der Traum von Freiheit und Ferne. Und alle Sorgen sind vergessen. Pustekuchen.Natürlich ist es wundervoll, fernab zu sein und freilich, auch die Sorgen erscheinen kleiner aber sie sind noch da. Dieses „in Luft auflösen aller Belange“ ist ein Trugschluss. Vielleicht kann sich auch der ein oder andere besser belügen. Meine Sorgen sind jedenfalls noch da. Und auch all die negativen Gefühle der letzten Wochen vor der Abreise. Die Gedanken an den, der meinte, sich von mir trennen zu müssen zwei Tage vor dem Abflug. Die Sorge um diesen und andere Menschen sowie die Zukunft nach dieser Reise, das Vermissen der Vertrauten. Alles noch da. Es gibt nur weniger Momente, in denen es hoch kommen kann. Dann kommt es aber mit Wucht.

Und dann die neue Situation, hier alles richtig machen zu wollen, dazu zu gehören und doch nur eine Vorübergehende zu sein, vorübergehend. 

Ich bewundere Carmen und Robert für diese Welt, die sie sich geschaffen haben. Schaffen ist das richtige Wort. All dies hier, ein relativ autarkes Leben mit drei Kindern, es ist bewundernswert. Und dann noch Touren leiten, Gastgeber sein, alles selbst bauen, sich mit Wasser, Strom und Holz versorgen (und die Gäste), die Tiere halten (und das sind glückliche Tiere!) und und und. 

Das ist mit so viel Arbeit verbunden. Und da steckt so viel Liebe und Leidenschaft drin. Diese Menschen haben meinen vollsten Respekt!

Ich finde so ein Leben sehr erstrebenswert aber ich merke auch, dass ich so etwas nicht allein bewerkstelligen könnte und möchte und, dass es in einem wärmeren Land weitaus einfacher wäre. Ich bin erkältet und auch das Baden im Fluss ist jetzt einfach zu kalt. Ein mal die Woche wird die Sauna angeheizt, dann gibts auch warmes Wasser zum Duschen. Jetzt liege ich hier im Bett, geduscht, und hoffe, dass ich morgen gesund bin, denn ich will meine Arbeiten gut machen. Die Tage werden die Gäste kommen und alles wird noch aufregender. Und ich werde lernen, mit einer Motorsäge Feuerholz zu machen. Ich bin gespannt. Und etwas ängstlich. Mit Maschinen hab ich es ja nicht so…

An die Welt in uns (ein Liebesbrief)

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incredibly bad translation below

Mein Sonntag begann recht unerwartet um 5:55 Uhr, als mein Wecker mich nach den schönsten Nachträumen des samstäglichen Tanzens riss. Da dies natürlich auf ein Missverständnis aufgrund nicht kommunizierter Absprachen zwischen Wecker und mir zurückzuführen war, konnte hier niemandem ein Vorwurf gemacht werden, allerdings konnte ich auch nicht mehr einschlafen und döste so vor mich hin, bis ein Freund mich abholte, um mit mir und zwei weiteren lieben Freunden auf den Schauinsland zu fahren. Wir redeten viel, saßen in der Sonne und spazierten auch etwas umher. Ich genoss unsere durchaus auch kritischen Gespräche und die Nähe der viel zu selten Gesehenen.

Später beschloss ich, anstatt wieder mit hinunter zu fahren, den Weg nach Freiburg zu Fuß zu beschreiten. Genau diesen Weg möchte ich jetzt mit euch teilen. Und da ich mir für euch wünsche, dass ihr wirklich teilhaben könnt, wechsle ich jetzt zum Präsens :).
Ich verabschiede mich von den anderen. A. gibt mir Geld für die Straßenbahn, damit ich später in Freiburg nicht noch eine Stunde durch die Stadt laufen muss. Wir umarmen uns, dann trennen sich unsere Wege. Ich gehe auf einen Wegweiser zu. Kybfels, 7,5 km. Klingt doch gut und fast um die Ecke, denke ich und laufe durch den Schnee in die angezeigte Richtung bergauf. Nach circa zehn Minuten kommt ein weiteres Schild, dass genau in die Richtung zeigt, aus der ich komme. Neue Wegführung steht da. Der Weg vor mir gefällt mir jedoch besser. Nur Schnee und Tierspuren, keine menschlichen. Ich mache ein letztes Bild, dann verabschiedet sich der Akku meines Smartphones. Gibt es dafür eigentlich ein offizielles deutsches Wort? Naja, mein Alleskönnerhandy, das über GPS, Kompass, Fotoapparat, Notizblock und nicht zu vergessen Telefonfunktion verfügt, macht jetzt Pause und irgendwie spüre ich, dass das genau das ist, was ich gerade brauche.

Vor mir befindet sich eine unendliche Schneedecke, gesäumt von eingeschneiten, kleinen Tannen, Erhebungen, welche vermutlich umgestürzte und eingeschneite Baumstämme sind und unzählige Spuren von Fuchs, Hase und Co. Ich folge den Spuren, welche mehrfach in dieselbe Richtung führen und denke mir, dass die Tiere schon wissen, wo es lang geht.

Zwischendurch tauchen dann auch nach und nach weitere Spuren auf, noch mehr Füchse, ein Eichhörnchen, Maderartige und Rehe. Manche der Spuren kreuzen den „Hauptpfad“ und manche führen im Kreis oder wild hin und her. Sie erzählen unzählige Geschichten und ich muss lächeln beim Gedanken an das letzte Wochenende, als ich mit 24 Wundermenschen dasaß und wir uns halbwahre Geschichten über Spuren im Schnee erzählten und Theater zu unseren Worten und dem Klang der Gitarre spielten, lachten und einfach wir waren…

Ich laufe weiter. Zwischenzeitlich verlieren sich die Spuren und ich folge nur einer einzelnen. Ich versinke teilweise bis zur Hüfte im Schnee und bereue es etwas, dass ich nur eine Cordhose und Wanderschuhe trage, der Schnee ist bereits in meine Schuhe gelangt aber ich denke mir, dass es ja trotz nasser Socken warm ist, solange ich mich bewege. Ich komme an mehreren Felsen vorbei. Es ist atemberaubend. Ich habe eine wunderbare Sicht über die verschneite Landschaft, keine Menschenseele weit und breit. Nur ein paar Vogelstimmen und das sanfte Fallen des Schnees von einigen überladenen Tannen und Fichten, klingen hin und wieder an meine offenen Ohren.

Der Himmel hat sich inzwischen mehr und mehr zugezogen und verschiedene Stratus- und Cumuluswolkenformationen malen regelrechte Kunstwerke an das sich stetig neu erfindende Himmelszelt. Kein Foto dieser Welt könnte festhalten, was dieser Moment beinhaltet, denke ich, während dieses Bild in mir für immer verankert wird.
Etwas später mache ich eine kurze Pause und genieße die baumgefüllte Leere um mich herum.
Ich laufe weiter, auf einmal taucht eine vermutlich schon mehrere Tage alte Menschenspur, begleitet von einer Hundespur, scheinbar aus dem Nichts vor mir auf. Ich lasse meiner Fantasie freien Lauf und spiele ausgelassen mit Gedanken an einen umherziehenden Freigeist (natürlich sehr attraktiv, jedoch etwas verschroben, mit vollem Haar und viel Bart ;)) begleitet von einem wilden, charakterstarken Hund oder gar Wolf, den ich hier treffen könnte, und grinse in mich hinein. Ich folge der Spur und sie führt mich nach einiger Zeit zu einem Hochsitz, an dessen Fuße sich unzählige Wildschweinspuren befinden. Ein Förster also. Mit Hund. Meine wirr-wilden Gedanken gefielen mir besser. Nun ja, ich kann sie ja jederzeit weiterspinnen. Das ist das schöne am Kopfkino.
Nach dem Hochsitz teilt sich der Weg. Ich laufe kurz in die eine Richtung, halte inne und orientiere mich dann neu, doch in die andere Richtung. Der innere Kompass wird schon funktionieren. Da ich mich mitten im Wald befinde, kann ich auch nirgendwo herunterschauen, ob ich Freiburg entdecke und die Tierspuren sind schon bald auch kein guter Wegweiser mehr, da ich die Schneegrenze nach und nach über mir lasse. Nur etwas Matsch und ein paar Rehspuren.

Ein Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken. Aus dem Dickicht fliegt ein schimpfender Sperber oder ein Habichtweibchen auf. Den Ruf möchte ich später noch recherchieren. Habichte sind sehr selten zu beobachten, das wäre natürlich wunderbar, wenn ich tatsächlich dieses Glück hatte. Da ich bisher keiner Menschenseele begegnet bin, vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, denke ich und kurz darauf schon gelange ich an einen Weg mit gelber Raute.
Ich habe ihn also wieder erreicht, den Rand der Zivilisation. Komisch, nach dem letzten Wochenende fand ich nicht einmal die Vorstellung, hier im Wald, ohne funktionierendes Telefon, übernachten zu müssen, beängstigend. Wir haben bei minus 8 Grad draußen geschlafen, natürlich gewärmt vom vorigen Feuer und der Mondscheinwanderung, gespickt mit tiefen Gesprächen, leichtem Lauschen und kleinen, untergründigen Neckereien. Okay, ich muss zugeben, dass der warme Schlafsack und das Tarp über B. und mir auch ihren Teil zur Wärmeisolierung beigetragen haben, aber eine Nacht hier würde ich auch überleben, immerhin habe ich eine Isomatte und Tee dabei. Und Schreibzeug.

Das wars dann aber auch schon. Und morgen ruft ja die Arbeit.
Der Gedanke ist trotzdem schön und stärkend, so wie es die Tage mit diesen tollen Menschen in der Natur waren, und das zählt doch im Endeffekt, oder?.!.

Ich verpasse vor lauter Gedankenschwelgung eine Kreuzung und laufe wohl wieder einen Umweg. Was für ein Wort. Umwege lohnen sich ja meist, denke ich und beginne zu singen. „Verschwende deine Zeit, Du wirst schon sehen, wohin das führt…“ von Gisbert. Wieder muss ich lächeln. Diesmal denke ich an M., mit seinem liebevollen Blick und W., mit seiner Engelsgeduld, wie wir mit Cello, Gitarren und, ganz wichtig: Rassel ;), in der untergehenden Sonne am Seepark standen und zum Klang der Instrumente sangen. So viele liebe Menschen um mich. So viele Bilder und Gefühle in mir. Und das sind nur die der letzten eineinhalb Wochen. Die Welt in uns endet nie.

Später. Ich höre die Straße näher kommen und beschließe, den Weg abzukürzen, da ich gerne noch etwas Sonne genießen würde. Ich laufe wieder querfeldein, wieder folge ich einem Tiertrampelpfad und wieder beneide ich diese Tiere um ihre vier Pfoten. Als dann Brombeersträucher auftauchen,bin ich dann doch ganz dankbar für meinen Zweibeingang und meine Schuhe.

Ich komme tatsächlich kurz vor Günterstal aus dem Wald und fast wie auf mich wartend steht dort eine Bank neben einer Quelle, die sanft vor sich hinplätschert. Ich setze mich und kurz darauf kommt ein Mann mit seinem Zwergschnauzermix, der auf den unglaublich passenden Namen Rasputin hört, vorbei und fragt mich, während ich ein paar Gedanken auf mein Papier notiere, ob ich einen Liebesbrief schreibe. Ich verneine und erzähle ihm kurz von den schönen Dingen, die ich gesehen habe und er erzählt etwas über Gelder, die die Stadt seiner Meinung nach für Radwege verschwendet. Nachdem er weiter gegangen ist denke ich, doch, ich schreibe einen Liebesbrief.

Einen Liebesbrief an die Natur.

Und an Wundermenschen.

Und an die Welt in uns.

To our inner world (A love letter)

My Sunday quite unexpectedly began at 5:55, when my alarm clock yanked me to the most beautiful dreams of dancing yesterday. Because of this, of course, was due to a misunderstanding due to not communicated collusion between clock and me, a complaint could be made here anyone, however, I could not sleep again and I just layd around, until a friend picked me two other friends up for a visit on the Schauinsland. We talked much, sat in the Sun and walked a bit around. I enjoyed our conversations and the closeness of much too rarely seen friends.

Later, I decided to tread the path to Freiburg on foot, instead of driving down again. I now would like to share with you exactly what I’ve experienced. And because I hope for you that you can really have a part, I switch now to the present tense :).

I say goodbye to the others. A. gives me money for the tram so I later won‘t have to walk an hour through the city. We hug each other, then they leave. I’m going to the guiding sign. Kybfels, 7.5 km. Sounds good, I think, and almost around the corner, and so I walk uphill through the snow in the indicated direction.

 

After about ten minutes, a further sign comes, which shows in the direction I come from. A new guidance is there. However, I prefer the way before me. Only snow and animal tracks, nothing human. I  shoot the last picture, then I say goodbye to the battery of my smartphone. Is there an official German word for it? Well, my all-rounder phone with GPS, compass, camera, Notepad and not to mention –  the telephone feature -, takes a break now and somehow I have a feeling that this is exactly what I just need.

Before me an infinite snow cover is lined with small FIR trees, hills, which are presumably fallen and covered up tree trunks and countless traces of Fox, Rabbit, and co., I follow the tracks that lead several times in the same direction and think to myself that somehow the animals know where to go. 

In between, then also after more traces emerge, more foxes, a squirrel, and deer. Some of the tracks cross the „main path“ and some lead in the district or wildly back and forth. Countless stories and I have to smile at the thought of the last weekend, as I was sitting there with 24 wonderful people and we told us half-true stories about tracks in the snow in our words and to the sound of the guitar we played Theatre, laughed and we just were ourselves.

I’m running further. In the meantime, the tracks get lost and I follow only a single one. I sink in partially to the waist into the snow and a little bit I regret that I only wear corduroy pants and hiking boots, the snow has already reached the inner part of my shoes but I think to myself that it is warm despite wet socks, as long as I am moving. I pass several rocks. It is breathtaking. I have a splendid view over the snow-covered landscape, not a soul far and wide. A few bird sounds and the gentle falling of snow of some overloaded firs and spruces are the only sounds now that reach my open ears. 

In the meantime, the sky has filled itself more and more with different Stratus – and Cumulus clouds which paint real artwork to the heaven, which constantly reinvents itself. No photo of this world could hold, what this moment means, I think, while this image is enshrined to me forever. 

 

Later, I make a short break and enjoy the tree-filled emptiness around me.

As I continue walking, a people track suddenly appears up seemingly out of nowhere in front of me, probably several days old, accompanied by a dog track. I let my imagination run wild and play with thoughts of a wandering free spirit (of course very attractive, however slightly cranky, with full hair and much beard ;)) accompanied by a wild, strong dog or even Wolf, I could meet here, and I smile at myself. I follow the trail and after some time it leads me to a high seat, at whose foot there are countless traces of wild boar. So a forester. With a dog. I loved my confused wild thought more than this reality. Well, I can continue imagination anytime.. That’s the beautiful part of the mind movies.

The way is divided according to the high seat. I just walk in one direction, stop and change than to the other direction. The inner compass somehow will work. Since I am in the middle of the forest, I have no opportunity to look down and see Freiburg and also animal tracks are no more good signs because I gradually leave the snowline above me. Just a little mud and a few deer tracks.  

 

A sound tears me from my thoughts. A sparrowhawk or a hawk female flies up from the thicket. Hawks are very rare to observe, it would be wonderful, of course, if I actually had this luck. Because I haven’t met a soul, so far, maybe not so unlikely, I think, and suddenly, after this thought,  I come to a path with a yellow diamond.

I reached it again, the edge of civilization. Funny, after last weekend I could imagine the idea to stay here in the Woods, without a functioning phone. We have slept outside at minus 8 degrees, naturally warmed by the previous fire and the Moonlight hike, with deep conversations, light listening and small, underlying teasing. Okay, I must admit, I must admit, that the warm sleeping bag and the tarp above B. and me have contributed also their part to thermal insulation, but now I have a mat and tea. And writing materials. 

That’s it then, but even better than nothing. And tomorrow, yes, work calls. 

The idea is still nice and invigorating, like the days with these great people in nature, and that is what counts in the end, not?.!.

I miss a crossroads, and I am going to take a detour. What a word. Detours are usually worth it, I think, and start to sing. „Spend your time, you’ll see where that leads …“ by Gisbert. Again, I have to smile. This time, I think of M., with his loving gaze, and W. with his angelic patience, as we were standing and singing with the cello, the guitars, and, most importantly, the rattle; So many dear people around me. So many pictures and feelings in me. And these are only the ones of the last one and a half weeks. Our inner world never ends.


Later. I hear the road coming closer and decide to shorten the path, as I would like to enjoy some sun. I walk again cross country, again I follow an animal trail and again I envy these animals for their four paws. Then blackberry shrubs appear and in turn,  I am very grateful for my two feet and my shoes.
I’m actually coming out of the forest just before Günterstal and it’s like almost waiting for me there is a bench next to a spring that gently slips away. I sit down and shortly thereafter a man with his little dog, who listens to the incredibly fitting name Rasputin, comes by and asks me, while I write a few thoughts on my
piece of paper, if I write a love letter. I deny and tell him briefly about the beautiful things I have seen and he tells me something about the money that the city wastes on bike paths. After he went on I think, it is true, I write a love letter.


A love letter to nature.
And to miracles.
And to the world in us.

 

Reisetagebuch Frankreich-Spanien-Portugal, Mai ’16

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Tag 1

Freitag, 13.05.16

Freiburg – Bordeaux

Vorbei an endlosen Weinbergen passieren wir Auxey Duresses, eines von vielen kleinen Dörfern, mit engen, sandfarbenen Gassen und kleinen Steinhäuschen. Am Wegesrand blüht der rote Mohn und in der Ferne werden der Wald und einige kleine Felsen sichtbar. Die Sonne zeigt sich, während wir an kleinen Flüssen vorbeifahren. Spanische Musik in den Ohren, fühlt es sich mehr an nach Italien statt Frankreich. Heute Morgen um neun ging es los. Freiburg zeigte sich von seiner auch vorhandenen, nassen Seite und so fiel es uns nicht allzu schwer, die geliebte Stadt zu verlassen. Über Belfort, Besançon und Dole soll es jetzt weiter Richtung Massif Central gehen. Vielleicht finden wir auf dem Weg einen kleinen See oder Fluss für eine Schwimmpause, auch wenn sich die Sonne noch mit dicken Cumuluswolken abwechselt. Auf den Weiden liegen weiße Rinder und kauen gemütlich vor sich hin. Da ich selbst nicht fahren darf (auch wenn ich könnte) langweile ich mich etwas. Ich habe schon die letzten Stunden mit Lesen verbracht und etwas Kopfschmerzen, nun möchte ich etwas schreiben.

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Hatte ich schon erwähnt, dass Freitag der dreizehnte ist? Gerade wurden wir daran erinnert. Nach einigen Stunden weiterer Fahrt sind wir in der Nähe von Vichy. Mittlerweile hat sich der Himmel zugezogen und es regnet ab und an. Wir machen eine (geplant kurze) Pause, um ein Grundbedürfnis zu erfüllen, als ich auf die Idee komme, hier am Feldweg doch auch mal „kurz“ fahren zu können. Um gleich zum Punkt zu kommen; die Idee war vielleicht nicht die Beste. Nachdem ich nach einem missglückten Wendeversuch die Schnauze des VW Busses im angrenzenden Bächlein versenkt habe, und Leo noch im Halbschlaf leicht in Panik gerät, kommt Marc an, der noch auf Toilette war. Peinlich berührt lache ich ihn an und gemeinsam versuchen wir den Bus aus seiner ungewöhnlichen Lage zu befreien. Nach mehreren Versuchen, u.a. mit Holzscheiten als Hebel, beschließen wir, dass es nicht ganz so einfach ist. Und gerade als Marc und ich zum nahegelegenen Bauernhof laufen wollen, kommen die Besitzer vorbeigefahren. Ihre Gesichtsausdrücke deuten wir als belustigt über überrascht bis fassungslos. Aber sie sind sehr nett und kurz darauf kommt Julien mit dem Traktor und hilft uns, den Bus zu befreien. Alle wieder wach von der ungeplant aufregenden Pause, machen wir uns weiter auf den Weg Richtung Massiv Central.

 

Tag 2

Samstag, 14.05.16

Lac de La Cassiere -lac de Pomponne – Pilart

Nachdem wir gestern durch Clermont Ferrand gefahren sind und uns am nahegelegenen Lac de La Cassiere einen Stehplatz für den Bus gesucht haben, erwartet uns schon das nächste kleine Abenteuer. Aber zuerst einmal zum Tagesanfang.

Nach einer durchwachsenen Nacht im Bus, auf den in der Nacht der Dauerregen prasselte, wache ich mit dem Sonnenaufgang auf. Mein Bewegungsdrang bringt mich dazu, meine Thermounterwäsche kurzerhand als Laufersatzklamotten zu nutzen und ich erkunde die Umgebung. Es lohnt sich, wie sich herausstellt, denn schon bald erreiche ich einen wunderschönen, kleinen Märchenwald, der mit kleinen Wegen und mit Moos bewachsenen Felsbrocken durchsäumt ist. Um mich herum Grün in all seinen Nuancen, dazu teilweise auch violett und weiß blühendes. Ich springe über dicke Baumwurzeln und atme die frische, klare und feuchte Luft. Schließlich komme ich an einen Fluss, der sich später als See besagter Lac de La Cassiere – herausstellt. Ich genieße die Aussicht, atme tief durch und versuche Yoga zu machen, doch der Boden ist sehr hart und mit spitzen, roten Steinen gesäumt. Da ich den anderen ohnehin gesagt habe, dass ich nur zehn Minuten weg bin, welche mittlerweile wohl schon ziemlich ausgedehnt sind, mache ich mich auf den Rückweg. Marc und Leo sind jetzt auch ganz wach und packen gerade unser Schlaflager zusammen. Und dann, als wir uns gerade zum Wenden bereitmachen, passiert es. Der Bus bleibt im Matsch hängen. Die leicht makabre Situationskomik lässt Leo und mich in ein Gelächter ausbrechen, welches auch verzweifeltes Weinen sein könnte. Marc bleibt (zumindest scheinbar) gelassen. Schlussendlich schaffen wir es, dank vollem Körpereinsatz (Leo legt sich extra noch in den Matsch) dem Gefälle zu entfliehen und machen uns auf den Weg Richtung Tulle um Frühstück zu besorgen.

Zwischendurch kommen wir an einer kleinen Ortschaft vorbei, zu deren Fuße ein Fluss fließt. Mehrere Brücken führen über den Fluss und auf der anderen Seite befindet sich neben einer alten Kirche eine wahre Schlosslandschaft und viele alte Häuser. Jede Tür sieht anders aus und ich frage mich, was sich wohl dahinter für Geschichten verbergen. Wir steigen die schönen, mediterran anmutenden Treppen zur Kirche hinauf und genießen die Inn-und Aussicht und die kurze Einkehr in einem Stillen, heiligen Ort.

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Später, nach langem Sitzen im Bus machen wir uns auf die Suche nach einem Fluss oder See, zum Abkühlen. Zuerst gestaltet sich die Suche als sehr aufwendig, da wir immer wieder von der Hauptstraße abfahren, nur um dann festzustellen, dass der vermeintliche Badesee sich in Privatbesitz befindet. Schließlich geraten wir jedoch an einen  kleinen Fischweiher und treffen auf eine nette, französische Familie, welche uns (bzw. Marc, der mit Händen und Füßen all sein Schulfranzösisch hervorkramt) eine Wegbeschreibung zu einem nur 5 km entfernten, wunderschönen See mit Sandstrand, der in einem Park liegt. Lac de Pomponne. Außer Leo und mir schwimmt niemand. Das Wasser ist wunderbar kühl und nach der Erfrischung machen wir ein kleines Picknick und Kaffee am „Strand“.

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Wir fahren weiter bis zur Dune de Pilart, der wohl größten Düne Europas. Als wir ankommen ist es schon dunkel. Wir parken auf einem Parkplatz, auf dem man eigentlich nicht übernachten darf, wagen es jedoch, laufen im Dunkeln durch den tiefen Sand und hören das Meer im Hintergrund rauschen. Wir bereuen, nicht gleich den Wein mitgenommen zu haben, laufen barfuß zurück zum Auto und richten dieses erst einmal für die Nacht. Dann packen wir ein Kartenspiel aus, nachdem es draußen angefangen hat zu regnen und öffnen zwei französische Weine, eine Bordeaux und einen Weißwein, an dessen Namen ich mich jedoch nicht erinnere.

 

Um 23 Uhr beschließen wir dann doch noch einmal die Düne hoch zu laufen. Es hat inzwischen aufgehört zu regnen. Mit Musik bepackt tänzeln wir gut angeheitert den Weg entlang, nehmen die Treppen (ja es gibt Treppen zur Düne hinauf!) und suchen uns nah am Meeresrauschen einen Platz. Leo gräbt zwei Löcher, in denen sie Teelichter anzündet. Wir lauschen der Musik und dem Rauschen der Wellen und des Windes. Ein schöner Moment!

00Uhr, Leos 27.Geburstag. Wir singen. Tanzen, wankend ob des tiefen Sandes (und des Weines). Liegen uns in den Armen.

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Zurück im Bus, lese ich weiter „Das Kind von Noah“ von Eric-Emmanuel Schmidt vor. Leo schläft gleich ein. Marc döst vor sich hin. Ich lösche das Licht. Atme tief ein und schließe zufrieden die Augen.

Tag 3

Sonntag, 15.05.16

Pilart – Mouliets et Maa – ?

Als wir aufwachen, ist der riesige Parkplatz immer noch fast leer. Nach der üblichen Morgenhygiene geht es wieder zur Düne. Hier sieht es jetzt ganz anders aus. Es ist kaum neun und doch scheint dies ein regelrechter Touristen-Pilgerweg zu sein. Auch erschließt sich mir jetzt, was sich in den Hütten befindet, welche ich gestern nur im Dunkeln schemenhaft wahrgenommen habe. Souvenirstände und Imbissbuden. Wir laufen über die Düne bis zum Strand. Diesmal ohne Treppen. Ich mache Yoga. Meine Füße versinken im Tiefen, nassen Sand und meine Muskeln sind müde. Aber ich genieße es. Ich betrete den Atlantik und beschließe zu schwimmen. Das Wasser ist kalt aber das stört mich nicht. Es ist ein schönes Gefühl. Sonst kein Mensch im Wasser außer in der Ferne Menschen in Neoprenanzügen auf Jetskies. Die Wellen sind ganz sanft und seicht. Der Boden unter meinen Füßen ist, bis auf ein paar fast glatte, größere Steine, nur von Sand gesäumt. Ich schwimme gerade so weit hinaus, bis ich den Sand unter den Füßen verliere. Ich schaue in die Ferne und fühle mich frei.

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Die anderen sind inzwischen auch nah ans Wasser gekommen und essen Kekse auf einer Decke. Ich ziehe mich an und lege mich, nach dem ich zwei Grapefruits aufgeschnitten habe, dazu. Der Wind und meine nassen Haare sind kalt und ich hülle mich den dünnen Schlafsack ein, welchen wir dabei haben.

Nach einer Weile machen wir uns auf den Rückweg. Wir sehen Kinder und Jugendliche die Düne herunterrennen und tuen es ihnen gleich. Wenn man langsam rennt ist es ein wenig wie Trampolinspringen auf dem Mond (so zumindest stelle ich mir das vor). Wenn man die Beine schneller hebt, muss man einfach lachen (zumindest ging es uns allen dreien so). Wir nehmen noch zwei Mal die Treppe und rennen wieder herunter. Dann geht es weiter.

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Laut Automat kostet uns die Nacht 46 Euro, Marc ist aber ausgefuchst und sagt an der Information, er hätte sein Ticket verloren. Da wir nun also offiziell erst heute Morgen hier ankamen, zahlen wir jetzt 4 Euro.

 

Mouliets et Maa.

Ich laufe am Strand entlang. Fröstele leicht. Der Wind weht durch meine Haare und die Wellen an den Strand. Und mit ihnen Muscheln, Steine, Holz. Und Plastik.

Zu meinen Füßen wird ein seltsames Etwas angespült. Ich betrachte es genauer und identifiziere es als eine Plastikflasche, an der sich über ein Duzend Muscheln festgesaugt hat. Ich schwanke zwischen dem Impuls, die Tiere zu retten, indem ich die Flasche zurück in die Wellen werfen und meinem ökologischen Gewissen, das mir verbietet, Plastik ins Meer zu schmeißen. Die Tiere lassen sich auch nicht abschütteln und schlussendlich gebe ich mich mit dem Gedanken zufrieden, dass die Flasche ohnehin wieder zurück an den Strand gespült werden würde.

Ich laufe weiter die Küste entlang und sammle Steine mit den unterschiedlichsten Formen und Farben. In manche hat das Salzwasser feine Rillen gezeichnet, andere hat es komplett glattgeschliffen. Wieder andere haben kleine Krater auf der Oberfläche.

Wo sie wohl herkommen?

Vielleicht sind manche von ihnen um die halbe Welt gereist. Stammen von riesigen Felsen ab.

Womöglich hielt schon ein anderer Mensch irgendwo auf der Erde genau einen dieser Steine in den Händen. Mit denselben Gedanken wie ich. Und warf ihn zurück in das mächtige Nass.

Ich mach kehrt. Im Sand entdecke ich zwei Spuren. Füße. Ein Paar etwas größer als meine, daneben Kinderfüße. Ich folge den Spuren, während ich den Rückweg antrete.  Sie schlängeln sich immer wieder zum Meer hin. Und zurück. Richtung Strand.

Meine Füße haben sich mittlerweile an den Untergrund gewöhnt. Das Wasser, welches sie hin und wieder erreicht, fühlt sich gar nicht mehr kalt an. Ich gehe zu den anderen zurück, um noch kurz in die Wellen zu springen. Leo kommt mit, Marc ist müde und es ist ihm zu kalt.

Im brusttiefen Wasser angekommen springen wir wie sorglose Kinder gegen die Wellen und mit ihnen. Ich spüre die Macht des Gewässers und jauchze. Wieder einmal verspreche ich mir selbst, nie richtig „erwachsen“ zu werden.

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Später tanzen wir noch auf dem Parkplatz.

Wir sind noch etwas gefahren und es ist fast halb neun abends. In Meeresnähe parken wir bei einer kleinen Bucht. Die Sonne bricht durch ein Loch in einer großen Wolke und wirft ein wundervoll warmes, orange-violettes Licht in und über den Himmel. Auf der Wasseroberfläche spiegelt sie sich in einem leuchtend gelben Kreis.

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Wir machen Feuer. Grillen Kartoffeln, Kürbis.

Ich werde heute hier draußen schlafen. Am Feuer. Allein, aber nicht einsam. Mit dem Wind. Dem Rauschen der Wellen. Dem Duft und der Wärme des Feuers.

 

Tag 4

Montag, 15.05.16

? – Vitoria-Gasteiz

Ich wache auf. Ich weiß nicht, wie früh es ist, da ich weder Uhr noch Handy bei mir habe. Aber es muss so kurz nach Sonnenaufgang sein. Von besagter Sonne sehe ich jedoch nichts, da graue Schleier den Himmel bedecken. Müde schauen meine Augen auf die wild tosenden Wellen in der Brandung. Sie haben mich heute Nacht in den Schlaf gewogen. Viel geschlafen habe ich trotzdem nicht. Mein großer Stein, auf dem ich lag, war zwar recht bequem und wider Erwarten war mir wirklich sehr warm aber das Feuer zu meinen Füßen hat mir Sorgen bereitet. Noch bevor ich “ins Bett“ gegangen bin, habe ich mir an einem heißen Stein ein Stück meiner Jacke und auch den rechten Daumen verbrannt. Der tat dann so weh, dass ich nachts immer wieder aufgewacht in, um kalte Steine in die Hand zu nehmen. Mein Schlafsack ist wiederum nicht angeschmort, was mich nach dem Aufwachen sehr erleichtert.

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Es fängt an zu regnen. Ich möchte noch nicht gehen. Möchte noch etwas den Wellen und dem Wind lauschen. In meiner Tasche habe ich eine Plastikplane eingepackt, die ich eigentlich gar nicht mitnehmen wollte. Da mir Seile fehlen suche ich am Strand nach geeigneten Stöcken. Ich baue mir einen sporadischen Regenschutz. Er ist vermutlich nicht sehr stabil aber für den Moment reicht es. Jetzt liege ich auf meinem Stein, der Regen prasselt auf das Planendach und ich schaue in die unendliche Weite des Meeres.

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Ob die anderen im Bus schon wach sind?

Ich nehme mir vor in den nächsten Tagen so oft als möglich unter freiem Himmel zu nächtigen. Oder unter einer Plane, je nach Wetter. Hauptsache draußen.

 

Wir fahren weiter, doch weit werden wir heute nicht kommen. Der Bus streikt immer wieder und als wir für eine Pause kurz vor Vitoria-Gasteiz (Hauptstadt der spanischen Autonomen Region Baskenland) an einer Tankstelle halten, geht auf einmal gar nichts mehr.

Immerhin stehen wir nicht mitten auf der Autobahn. Während wir auf einen Rückruf vom Abschleppdienst warten, nutzen Leo und ich die unfreiwillige Dauerrast, um unsere Haare auf der Toilette der Tankstelle zu waschen.

Ich bin müde. Mein Bauch ist voll, da ich vor Nervosität zu viel gegessen habe. Ich gehe ein paar Schritte abseits und versuche, in den Wald zu gelangen. Da mich ein hoher Zaun von dem Weg dorthin trennt, setze ich mich oberhalb der Tankstelle auf einen Hügel. Ein kleiner, violetter Schmetterling fliegt vor mir her. Hinter der Autobahn türmen sich Berge auf. Rechts von mir befindet sich ein Fels oberhalb des Berges, auf dem ein Gebäude thront.

Wer weiß, wie lang wir hier verweilen werden? Vielleicht wird es ja eine Wandertour ..?

 

Leo jault mich an (Unser Erkennungszeichen -wir sind Wölfe!). Inzwischen hat Marcs Versicherung angerufen. Falls der Wagen abgeschleppt werden muss, ist dieses umsonst. Die Reparatur müssten wir zahlen. Aber dazu muss der Abschleppdienst erst einmal erscheinen…

 

Wer hätte gedacht, dass wir die spanische Sonne zum ersten Mal an einer Tankstelle genießen würden?

Seit vier Stunden vertreiben wir uns hier die Zeit. Die Haare sind gewaschen, mehrere Kannen Tee getrunken. Wir haben Frisbee gespielt, mit Bällen jongliert, mit Bällen auf dem Kopf balanciert und getanzt, Yoga gemacht, Forró getanzt, Samba ausprobiert, frei getanzt. Ich habe mir vermutlich auch meinen ersten spanischen Sonnenbrand geholt. Und Zeit zum Schreiben habe ich auch. Ich bin immer noch müde von heute Nacht und gehe wieder etwas an den Rand des Berges, um mich hinzulegen.

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Ich schließe die Augen. Diesmal lausche ich dem Sog der Fahrzeuge, anstatt dem Rauschen der Wellen.

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Um halb neun kommt endlich das Taxi, aber auch nur, weil ich noch einmal mit Marcs Versicherung telefoniert habe und die uns zugesichert haben, dass wir eigentlich auch alles selbst organisieren können. Die Pension haben sie jedoch schon organisiert, allerdings nicht in dem Ort, in dem der Bus ist. So kostet das Taxi 45€ (25€ übernimmt die Versicherung).

Wir kaufen Lebensmittel, Wein. Morgen früh erfahren wir mehr.

Tag 5

Dienstag, 17.05.16

Vitoria Gasteiz – Urrunaga

 

Nach langem Hin und Her und vielen Telefonaten sieht es jetzt so aus, dass wir uns einen Kombi für eine Woche mieten. Der Bus wird nach Deutschland rückgeführt. Auf uns kommen jetzt Mehrkosten für den Transport vom Abschleppdienst zur VW-Werkstatt (150€) und der Mietwagen (ca. 270€) zu, sowie eine Menge Stress. Die Rückreise zahlt glücklicherweise die Versicherung. Wie und wann genau wir zurückreisen ist noch unklar. Vielleicht schaffen wir es ja noch vor heute Abend an einen See zu kommen, wer weiß…

Immerhin ist jetzt klar, dass Marc seine Reise nach Finnland zur Doktorandenstelle im Juni definitiv nicht mit dem VW-Bus antreten wird. Vielleicht war das ja der Sinn des Spektakels.

 

Urrunaga

 

Abend.

Wir haben nun einen Kombi für eine Woche, indem man aber nicht schlafen kann. Nachdem es klar ist, dass der Bus nach Deutschland geschleppt werden muss und unsere Heimreise in sieben bis neun Tagen mit dem Flugzeug stattfinden wird, suchen wir uns spät abends einen Platz an einem See. Dort machen die anderen Feuer, während ich mit zwei Planen versuche, eine halbwegs passable Unterkunft zu bauen. Am Schluss ist sie etwas schräg aber da es nicht regnet, ist es in Ordnung zum Schlafen. Wir grillen Gemüse und trinken Bier und Wein. Heute geht es spät in die Schlafsäcke.

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Tag 6

Mittwoch, 18.05.16

Urrunaga – ?

 

Wir stehen früh auf. Nach dem Abbau unserer Schlafstätte mache ich Yoga und gehe nackt im See schwimmen. Kein Mensch außer uns hier. Es ist sehr kalt, sodass ich meine Haut kaum mehr spüre aber das Wasser tut gut. Dann fahren wir weiter.

Heute soll es nach Portugal gehen.  Nach fünf Stunden machen wir auf der Höhe von Salamanca eine Frühstückspause unter Pinien.

Mittag. Ankunft in Portugal. Halt an einem Fluss. Ich schwimme kurz. Irgendetwas ist komisch. Leo spürt es auch. Hier wollen wir nicht über Nacht bleiben. Also machen wir nur eine längere Pause, essen viel zu viel, trinken Kaffee, Sonnen unsere vollen Bäuche, reden, liegen.

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Dann geht es weiter in die Berge. An einen großen See. Wir kommen im Dunkeln an. Versuchen verzweifelt, die Plane im Dunkeln zu spannen und kommen dann auf die Idee, das Auto in unsere Konstruktion mit einzubauen. Es klappt gut. Über uns ein wunderschöner Sternenhimmel.

 

Jetzt liege ich hier. Unter dem Tarp. Nach oben gerutscht kann ich den Sternenhimmel sehen. Klar leuchtend. Glücksgefühle. Aber auch Melancholie. Ich schreibe einen Brief an Dich. Darüber, wie wir auf der Fahrt Musik hörten. Sangen. Die Landschaft. Die Felder. Den sattroten Mohn. Die kleinen Steinhäuschen. Die Flüsse und die Seen. Dann die Berge. Das Dunkelgrün der Bäume. Das warme, zwei Halos erzeugende Licht der untergehenden Sonne. Die Wolken. Ich schreibe ein Gedicht.

 

Unter Tränen lächelnd,

gehend

an Krücken

und trügerisch

selbstbestimmt

am Faden hängend

 

Ziehst Du mich

Ziehe ich

Hinter Dir her

und vor mir davon

 

Die Wahrheit suchend,

doch die Antworten verfluchend

werde ich nicht finden

was mich wachsen lässt

und übersehen

was es braucht

(sich selbst) zu vergeben

Tag 7

Donnerstag, 19.05.16

? – Coimbra

Es ist Nacht. Ich liege auf einer richtigen Matratze in einer Wohnung. Die anderen beiden sind gerade noch einmal los, alte Freunde von Marc treffen. Ich kann nicht mit. Heute ist viel passiert.

 

Wir sind in Coimbra, einer Universitätsstadt mit vielen Bars, Cafés, Altbauten. Am Rio Mondego gelegen. Auch nachts ist noch viel los in den mit Steinen gepflasterten Gassen. Auf den Parkplätzen stehen neben Neuwagen auffällig viel Oldtimer. Ich sehe mehrere Enten, Trabbis und einige andere, mir nicht bekannte.

Bei Sophia, einer Portugiesin, die Marc aus seiner Praktikumszeit hier kennt, hat uns spontan beherbergt. Dass wir heute hier stranden war keineswegs geplant, was in den letzten Tagen war das schon?

Ich fange am besten von vorne an:

Heute Morgen wache ich nach einer wunderbar lauen Nacht im Freien auf. Während die anderen noch schlafen putze ich meine Zähne, packe ein paar Dinge in den Rucksack und erkunde die Umgebung.

Der See ist riesig. Überall wachsen (künstlich angepflanzte, wie ich später von Leo erfahre) Eukalyptussträucher sowie (heimische?) Pinien. Die Bäume wachsen bis in das Wasser hinein bzw. das Wasser des Sees steht so hoch, dass viel Bäume halb im Wasser stehen. Ich trete näher ans Ufer und sehe, dass sogar unter der Wasseroberfläche Pinien wachsen. Das könnte beim Baden recht unangenehm werden, denke ich und gehe stattdessen einen Feldweg entlang. Auf dem Weg liegt eine tote Schlange. Sie ist nicht groß aber ich frage mich trotzdem, ob sie wohl giftig war. Und wie das überhaupt mit giftigen Tieren hier ist.

Nach einigen hundert Metern entdecke ich ein Haus auf einem Hügel. Ich steige hinauf und erkunde das Haus von außen. Es scheint verlassen, Türen und Fenster sind verschlossen, jedoch gibt es auf der hinteren Seite des Hauses eine offene Türe, die in einen ca. neun Quadratmeter großen, fensterlosen und leeren Raum führt. Hier ist es schön kühl, nach dem es heute schon morgens um acht sehr warm war. Ich überlege, dass wir hier unsere Lebensmittel lagern könnten. Um die Ecke liegt viel trockenes Geäst, dass man als Feuerholz nutzen könnte. Oberhalb des Hauses befindet sich eine Blumenwiese mit gelben und violetten Blumen, die um die Wette blühen und auch stachelige Misteln wachsen hier.

Ich suche mir einen mistelfreien Platz und mache Yoga mit Blick zur Sonne. Rechts von mir türmen sich die Berge auf. Ich sehe einige hohe Felsen, die ich heute erkunden möchte. In der Ferne entdecke ich auch ein kleines Dorf im Tal. Zu meiner linken liegt ruhig der See, den ich aber gerade nur stückweise sehen kann, da ein alter Steinofen meine Sicht einschränkt. Der perfekte Platz zum Entspannen, Feuer machen und Ausgangspunkt für eine große Wanderung! Platz zum Parken gibt es auch.

Voller innerer Vorfreude kehre ich zum Schlafplatz zurück und erzähle Marc von dem Platz und auch er befindet diesen (natürlich erst nach in Augenscheinnahme ;)) für gut. Leo ist gerade spazieren also räumen wir erst einmal Tarps und Schlafsachen auf, entrümpeln und sortieren etwas das Auto und richten uns dann später zu dritt dort ein. Ich koche Tee und Hirsebrei, während die anderen auf der Wiese in der Sonne schon einmal gemütlich vorfrühstücken. Wir sind gerade alle zufrieden habe ich den Eindruck. Schön. Das wird der perfekte Tag. Denke ich.

Wir erfahren, dass wir am 27. 5. Von Bilbao nach Stuttgart fliegen können und den Mietwagen verlängern wir auch problemlos per Telefon. Nach dem Frühstück wollen wir nur kurz in den Schatten umziehen und dann dort die nächsten Tage planen, bevor wir zum Wandern aufbrechen. Ich nehme Geschirr in die Hände, möchte noch kurz Kaffee machen, da passiert es.

Ich knicke mit dem linken Fuß um und falle eine Steinstufe hinunter…

 

Nachdem ich erst alle in Panik versetzt habe und selbst nicht genau wusste, was ich jetzt fühlen soll, liege ich lange mit schmerzendem Bein in Leos Armen während Marc das Auto für die Fahrt ins Krankenhaus packt. Wir reden. Viel. Und gut. Über unsere Wünsche. Wahrnehmungen. Was in uns vorging in den letzten Tagen. Seltsam, aber richtig, dass das jetzt passiert.

 

12 Uhr

Wir sind im Gesundheitszentrum 17km von dem Ort, an dem ich umgeknickt bin. Der Arzt sagt, dass mein Knöchel zum Röntgen muss. Das gibt es allerdings nur im 90km entfernten Coimbra. Und ich soll mit dem Krankenwagen dorthin, genauer gesagt dem Auto der Bombeiros (Feuerwehrleute). Bombeiros klingt ziemlich cool. Viel cooler als Feuerwehrleute, denke ich. Und mir fällt auf, dass ich gestern ein Gedicht geschrieben habe, in dem ich auf Krücken laufe. Wie ironisch…

 

Um die Geschichte etwas abzukürzen (denn ich bin wirklich nicht sehr stolz auf diesen Tag):

Leo fährt mit den Bombeiros und mir ins Krankenhaus nach Coimbra. Während der ganzen Fahrt und auch später im Krankenhaus liege ich, mein Bein ist provisorisch geschient. Ich komme mir doof vor. Auch wenn ich durch das, meiner Meinung nach stark übertriebene Krankenhausbett überall zügig drankomme, verbringen Leo und ich fast den ganzen Tag dort. Leo ist wahnsinnig geduldig. Ich fühle mich schlecht, auch wenn ich weiß, dass sie mir keine Schuld gibt.  Marc geht derweil mehrmals Eis essen.

Ich werde sechs Mal ohne jeglichen Schutz geröngt und streiche vorerst alle eventuell irgendwann aufkommenden Kinderwünsche. Schließlich bekomme ich die Info, dass es nur eine Stauchung ist, ein Rezept für Salbe, Bandage und Krücken und bin am Ende des Tages um 50€ und die Lust, weiterhin Urlaub zu machen, ärmer. Ich fühle mich schuldig, außerdem unbeweglich und lustlos. Nachdem wir in Coimbra Essen gehen ist es kurzfristig besser. Abends dann ok.

Aber die Stadt ist nicht meins und wenn ich meine Beine nicht richtig nutzen kann fühle ich mich dementsprechend, nutzlos.

 

Jetzt gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Was kann ich tun, damit der Urlaub für alle noch schön wird? Nach Lissabon möchte ich eigentlich nicht. Nach Hause fliegen geht finanziell nicht, die Flüge nach Bilbao sind verpflichtend. Und ob ich tatsächlich jetzt schon fliegen will, weiß ich sowieso nicht.

Abwarten. Ich bin erschöpft.

 

Tag 8

Freitag, 20.05.16

Coimbra – Évora – Monsaraz

 

Sophie erzählt uns kurz von einem Ort namens Monsaraz, der sehr schön sein soll. Also machen wir uns nach dem Frühstück auf. Wir sitzen fast den ganzen Tag im Auto und hören „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“. Ich fühle mich ausgeschlossen und unnütz. Auf unserem Weg fahren wir an Korkeichen vorbei und entdecken bei einer kurzen Pause unzählige Schnecken, die an trockenen Gräsern hängen. Wir essen fast ununterbrochen aus Langweile. Nach und nach tauchen auch Bäume von Mandarinen und Zitronen am Straßenrand auf. In Évora machen wir einen Spaziergang, trinken Kaffee und fahren dann weiter.

 

Spät abends dann Ankunft in Monsaraz. Wieder Schlafplatzsuche im Dunkeln. Marc und ich streiten. Ich fühle mich wie eine Fremde. Alleine laufe ich von unserem Parkplatz hinauf zur beleuchteten Burg. Hier ist es wunderschön. Und still. Ich klettere eine Mauer hinauf.  Ich lausche dem Wind. Dann singe ich. Das tut gut. Mein Entschluss steht fest. Ich werde hier bleiben. Alleine.

 

Tag 9

Samstag, 21.05.16

Monsaraz

Nach einer sehr kurzen, ungemütlichen Nacht, wache ich bei Sonnenaufgang auf. Der Hund, welcher die ganze Nacht gebellt hat, scheint von seiner Kette befreit zu sein und springt wie ein Wilder um uns herum und auch an uns hoch. Seine Zunge hängt schräg aus seinem hechelnden Maul. Er scheint lieb zu sein, aber auch sehr verrückt und ich taufe ihn Goofy, da ich finde, dass der Name zu seinem nicht sehr clever wirkenden aber liebenswerten Wesen passt. Wir frühstücken am See und nach meinem Entschluss erscheint alles viel entspannter. Leo und ich gehen schwimmen. Das Wasser ist perfekt. Später gehen wir in die Stadt, trinken Kaffee, probieren ein paar Weine im Wineshop und tanzen und singen später betrunken auf der Burg. Ich fühle mich frei.

Auf einem Parkplatz haben wir neben einem Wohnwagen das Tarp aufgespannt. Dieser Ort fühlt sich gut an. Wie „zu Hause ankommen“.

Wir lesen noch etwas bei Kerzenschein, dann schlafen wir ruhig ein.

 

Tag 10

Sonntag, 22.05.16

Monsaraz

 

Nach dem Aufwachen schaue ich mir den Friedhof an. Er ist klein und ganz anders als unsere Friedhöfe. Die Gräber sind komplett aus Marmor und stets findet sich ein Bild der Verstorbenen auf dem Grab.

Wir frühstücken am Schlafplatz und lernen die Insassen des Wohnwagens kennen. Tatsächlich sind es zwei Deutsche aus Friedrichshafen. Wir bekommen Kaffee aus der Maschine angeboten. Er schmeckt gut aber ich mag den Kaffee, aus Espressokocher auf Gaskocher gekocht mehr. Allein wegen dem Ritual. Die Friedrichshafener reisen heute weiter. Wie Leo und Marc.

 

14 Uhr

Und so liege ich nun hier. Am See. In der Ferne die Hügel und die Burg von Monsaraz. Die Sonne scheint. Grillen zirpen und Vögle zwitschern, Ab und zu fährt ein Auto zu der Wendebucht am See, die Menschen steigen kurz aus, genießen die Aussicht und fahren wieder davon.

Im See schwimmt niemand. Bis auf Leo und mich habe ich hier und auch in den anderen Seen, an denen wir waren, noch niemanden schwimmen sehen. Heute Vormittag waren ein paar Schlauchboote und ein kleines Segelboot auf dem großen, gewundenen Gewässer, dass einen fast an das Meer erinnert. Jetzt ist der Wind das Einzige, was auf dem Wasser treibt. Kleine Wellen zeichnen ihr Muster in das silbrig helle Blau Ab und zu springt ein Fisch in die Luft. Etwas entfernt vernehme ich die gedämpften Stimmen der Familie, welche gestern an einer anderen Stelle ihr Lager aufgeschlagen hat. Ansonsten bin ich allein. Mit dem Wasser. Der Sonne. Dem mittlerweile wolkenlosen Himmel. Dem Wind, der die Blätter im Baum, in dessen Schatten ich liege, tanzen lässt. Dem Wind, der mir sein ganz eigenes Lied singt.

Ich sehe gelb- und orangefarbene Schmetterlinge, die hellviolette und roséfarbene Blumen ansteuern. Ein paar der großen Ameisen, deren Volk eine Straße den Baum hinauf verfolgt, erkunden meinen Liegeplatz. Eine Heuschrecke hüpft auf meine Notizen, bevor sie wieder im trockenen Grad verschwindet.

An einem Busch, nur ein paar Schritte entfernt, trocknen meine Kleider in der Sonne, vom Wind geföhnt.

Ich bin zufrieden aber auch etwas aufgeregt. Leo und Marc sind vor etwa einer halben Stunde nach Lissabon aufgebrochen. Ich bleibe hier. Meinem Fuß geht es schon viel besser und das Schwimmen im See tut gut. Oben an der Burg habe ich Lebensmittel für die nächsten Tage gelagert. Drei Nächte werde ich dort oben schlafen. Ich hoffe, dass mich niemand wegschicken wird aber das glaube ich eigentlich nicht. Der Parkplatz ist für Wohnmobile frei, da stören ein Tarp und eine Kiste sicher nicht.

Lissabon ist bestimmt schön, mir ist jedoch nach Lesen, Schreiben, Schwimmen. Ruhe. Natur.

Neben mir liegen einige Bücher (Der Weltensammler von Ilja Trojanov, Ein Sommer mit Montaigne von Antoine Compagnon und Komm, ich erzähl dir eine Geschichte von Jorge Bucay). Die Geschichten, welche mir besonders gefallen, werde ich Marc und Leo dann erzählen, wenn wir wieder zu dritt sind. Außerdem lese ich noch Hallo, ist da wer?  von Jostein Gaarder weiter. Das Buch haben wir die letzten Tage immer vor dem Einschlafen gemeinsam gelesen. Dieses Buch gefällt mir sehr. Ich habe also auf jeden Fall viel vor. Aber jetzt ruhe ich mich erst einmal ein wenig aus.

 

16:13Uhr

Ich habe geschrieben, eine Geschichte von Jorge Bucay gelesen und Yoga im Schatten „meines“ Baumes gemacht. Meine Kleider sind inzwischen trocken, die „Nachbarn“ abgereist.

Während dem Yoga jagte mir ein ungewöhnlich nah kommender Angler einen Schreck ein. Er hätte genauso gut auf meine Matte stehen können, so nah kam er. Außerdem schlich er sich, so wie es mir vorkam, fast an und ich habe immer noch ein leicht mulmiges Gefühl. Wobei meine Fantasie wohl mit mir durchgeht, denn der See ist zwar riesig und es gibt auch durchaus gängigere Wege, als den an mir vorbei aber vermutlich war er einfach neugierig. Trotzdem bin ich ein bisschen erleichtert zu wissen, dass ich heute auf der Burg schlafe. Und während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich den besagten Angler wieder auf mich zulaufen. Ich bin gespannt.

Mir fiel vorhin noch etwas ein. Vielleicht passiert tatsächlich immer alles so, wie es soll…

 

Ok, der Angler hat mich angesprochen und mein Fetzen an Portugiesisch reichen soweit aus, dass ich verstehe, dass er fragt ob ich einen Freund habe (Er zeigt auf seinen Ring). Ich bekomme Angst. Als er wieder weg ist fällt mir auf, dass er ja einen Ring trug, d.h. er ist wohl verheiratet, Naja. Ich habe auf jeden Fall erwähnt, dass ich mit Freunden unterwegs sei. Trotzdem beschließe ich, noch einmal kurz schwimmen zugehen und dann zurück nach Monsaraz zu laufen. Ich habe sowieso Hunger und der Weg ist weit.

 

 

17:21Uhr

Ich warte gerade, dass mein Schwimmzeug trocknet. Es ist still. Vom Wasser aus habe ich den Angler etwas beobachtet. Er angelt gar nicht. Er läuft einfach am Ufer entlang. Nun ja. Jetzt, wo ich aus dem Wasser raus bin kann ich ihn zumindest nirgendwo mehr entdecken. Es ist auch sonst niemand mehr hier. Das glaube ich zumindest. Nur kann ich das irgendwie nicht so richtig genießen. Die blühende Vorstellungskraft…

Ich habe Hunger und frage mich, wie lange ich nach Monsaraz brauchen werde. Und ob mein Fuß das mitmacht. Summerweise habe ich nur die Jurtis an (Schlappen aus Jute). Trotzdem möchte ich nicht an der Straße entlang, sondern über die Hügel. Das dauert dann natürlich länger.

Es ist 17:42 als ich losgehe.

 

Auf dem Rückweg gerate ich in eine Sackgasse. Ich versuche querfeldein zu laufen, doch die Sträucher gehen mir teilweise bis zur Brust, an Beinen und Füßen piekst es und auf einmal habe ich keine Angst mehr vor Skorpionen und Schlangen, die im Gras lauern könnten sondern ganz simplen vor einer Meute Borreliose übertragender Zecken. Deshalb gehe ich den Weg bis zur Straße zurück und dann an dieser entlang, bis ich einen kleinen Turm sehe, dessen Weg zur Stadt führt. Es ist heiß und meine Füße tun weh aber ich bin guter Dinge. Der Weg ist schön. Viele Bäume. Blumen und Sträucher um mich herum.

Ich laufe an Goofy vorbei. Er ist wieder angekettet. Ich grüße ihn kurz, er springt freudig umher.

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19 Uhr

Ich erreiche meinen Platz, richte meinen Platz und beginne zu kochen. Das Essen schmeckt toll (Karotten, Kartoffeln, Zucchini, Bohnen, Soyajoghurt und eine scharfe Paste, die extrem nach Salz und Knoblauch schmeckt – zum Glück bin ich allein unterwegs ;), zum Nachtisch gekochtes Obst).

Vom anderen Parkplatz aus werde ich von einem älteren, belgischen Paar beim Essen beobachtet. Auf „meinem“ Parkplatz bin ich ganz allein.

Als ich später den Müll wegbringe, entdecke ich auf dem unteren Parkplatz noch mehrere französische, einen britannischen und einen deutschen Wohnwagen.

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20:40Uhr

Ich ziehe mir etwas Wärmeres an, wasche ab und komme rechtzeitig zum Sonnenuntergang auf der Burg an. Außer mir ist nur noch ein bayrisches Paar um die sechzig dort, welches jedoch schon bevor die Sonne versunken ist wieder verschwunden ist.

Am Himmel zeichnen sich orangrote und pastellfarbene Streifen in allen vorstellbaren Blau- und Gelbtönen sowie Rosé, Blasslila, und Grau-und Weißvariationen ab.

Wolken ziehen träge wie auseinandergezogene Wattebäusche dahin. Ich höre das Läuten von Kuhglocken, sowie das Quaken von Kröten in der Ferne. Schwalben umkreisen im Sturzflug die Burgmauern. In der Ferne sehe ich im Schein der untergehenden Sonne Hügeln und kleine Berge, getaucht in ein Aquarell aus Farbe und Licht. Die wehende Portugalfahne der Burg flattert gleichmäßig im Wind und die umliegenden Bäume beugen ihre Äste hin und her, während ich dem Hundegebell und den Rufen der Schwalbe lausche.

Ich mache mich auf um am Platz noch etwas zu lesen, vielleicht noch einen Tee kochen. Morgen möchte ich auf die andere Seite des Sees.

 

21:05 Uhr

Es ist schön aber zu zweit wäre es schöner, denke ich, während ich Fotos mache, um sie später (mit dir?) zu teilen. In der Ferne sehe ich den Mond wie eine riesige, zweite Sonne aufgehen. Blutorangefarben wirft er sein Licht in die dünnen Wolken – es raubt mir den Atem. Das, was mein Fotoapparat nicht annähernd festhalten kann würde ich jetzt am liebsten für Dich auf Leinwand malen. Stattdessen male ich die Erinnerung in mich hinein, mit all ihren Farben und Formen.

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Ich glaube, ich bin nicht mehr in Dich verliebt. Nur die Erinnerung an Dich ist es, welche ich noch immer unverändert liebe…

 

Brust und Milch

 

Du hast Hunger zu lernen

Hunger zu wachsen

Hunger zu wissen

Hunger zu fliegen…

Vielleicht bin ich heute

Die Brust

Die jene Milch gibt

Die deinen Hunger stillt.

 

Es scheint mir wunderbar, dass du nun nach dieser Brust verlangst,

aber vergiss eins nicht:

Es ist nicht die Brust, die nährt, es ist die Milch.

 

(aus dem Buch „Komm ich erzähl dir eine Geschichte“ von Jorge Bucay)