Das Glück 

Standard

12.11.1710:40pm

-20Grad, Mendenhall, knappe 80km nördlich von Whitehorse. Ich liege im Schlafsack im Walltent. Um mich herum die nächtliche Stille des schneebedeckten Waldes. Nur das Knistern des Holzes in dem kleinen Ofen durchbricht ab und an diese Stille. Ich bin allein. Und glücklich. Während ich diese Worte schreibe, steigt mein warmer Atem in kleinen Wolken vor mir auf. Es ist angenehm warm im Schlafsack, trotzdem, dass der Boden unter mir gefroren ist. Der Ofen wärmt die Luft gerade so, dass ich nicht friere aber es auch nicht zu warm ist. Er ist so klein, dass ich nachts wohl Holz nachlegen muss, vielleicht reicht auch die Wärme des Schlafsack. Ein bisschen mulmig ist mir schon, genau wie gestern, als ich den Spuren des Vielfraßes (Wolverine) im Wald bei Takhini folgte und noch nicht wusste, dass Vielfraße eigentlich ungefährliche Asfresser sind. Aber genau das macht ja den Reiz aus. Neues Lernen. Und ich möchte den Winterwald des Yukon erleben um ihn zu kennen. Zu verstehen. Und dann, die Angst zu verlieren. Nur das Unbekannte lässt uns fürchten. 

Komisch, wieder, und doch war es berechenbar, dass es mir jetzt, wo mir noch knappe sechs Tage im Yukon bleiben, scheint, als bräuchte ich mehr Zeit. Und natürlich, auch wieder, möchte ich bleiben. Auf einmal, wobei ich doch fast zwei Monate mehr über- als ge-lebt habe.


Die letzten Tage waren wunderbar wunderlich anders. Ich habe vieles kennen gelernt und vor allem mich, neu, anders. Zum Schreiben blieb keine Zeit, wie so oft und jetzt, da Zeit ist, weiß ich nicht, wo anzufangen.
Und eigentlich möchte ich gerade diese Nacht hier genießen. Im Zelt. Im Wald. Allein.
Das ist überhaupt etwas, dass ich hier gelernt habe. Momente zu leben. Zu genießen. Selbst in jenen Situationen, welche im ersten Augenblick nicht sehr toll erscheinen. Was bringt es auch, sich woanders hin zu wünschen, wenn dies gerade nicht möglich ist? Seit ich das verinnerlicht habe, ist es wesentlich einfacher, zu sein. Und wirklich schön.
Heute ist Sonntag. 

Am Mittwoch bin ich mit Mike, dem Chinesen, mit dem wir bereits in Fish Lake wanderten, nach Tagish gefahren, um bei Stephen, meinem vorigen Workaway Host, eine Jacke abzuholen, welche ich dort vergessen hatte. Auf dem Weg haben wir zwei Freestores (Orte bei der Müllhalde, bei denen Leute u.a. alte Kleidung zum Verschenken abliefern) passiert und ich konnte eine Fleeceweste und eine winddichte Jacke für Island ergattern. Stephen freute sich über meinen Besuch und das war schön, denn bevor ich ging, hatte ich ihm doch sehr ehrlich die Meinung gesagt. Mike und ich machten uns dann noch mit Tyson, dem Hund, den ich dort immer ausgeführt hatte, auf einen langen Spaziergang auf und es war faszinierend den Tagish Lake, indem ich drei Wochen zuvor noch gebadet hatte, angefroren und von eisigem Nebel bedeckt zu sehen.

Bei Stephen lernten wir auch Maja aus Deutschland kennen, welche nun bei ihm zu Gast ist. Sie plant zwei Monate hier in Yukon zu bleiben und wir wollten uns auch Dienstag eventuell in Whitehorse treffen aber nun bin ich schon wieder ganz woanders. Planen lässt sich hier nicht viel und genau das macht es gerade gut.
Von Donnerstag bis Sonntag habe ich Robert in seinem Tinyhouse in Takhini besucht. Dort war ich bereits vorige Woche für eine Nacht. 

Das tollste Erlebnis hatte ich bereits auf dem Weg zu ihm. Ich bin mit E.s Rad bei -20Grad knappe zwei Stunden dorthin geradelt. Um mich herum der sogenannte „Stardust“, viele kleine glitzernde Eispartikel in der Luft. 

Die Sonne schien und solange ich mich bewegte war mir, bis auf die Füße, sehr warm. Auf meinem Weg traf ich einen wunderschönen, schwarz-roten Fuchs und einen Maultierhirsch. 

Beide Tiere schienen mich ebenso interessant zu finden, wie ich sie und so konnte ich sie wirklich lange beobachten. Ich fühlte mich frei und unabhängig. Es war einfach schön.  
Nachdem ich mich bei Robert Aufgewärmt hatte ging es gleich noch einmal mit den Rädern los, diesmal mit Hund, verschneite Trails im Wald entlang. Leider ist mein geborgtes Rad kein Snowbike, deshalb fühlte ich mich etwas unsicher aber Spaß machte es trotzdem.


Diesmal hatten wir mehr Zeit als bei meinem ersten Besuch.

Zum Kochen und zusammen Essen. Nordlichter beobachten. Reden. Schweigen. Gemeinsam Lesen. Baden in den Hotsprings (Er kann dort jederzeit umsonst baden, was angesichts der Abwesenheit eines Badezimmers und fliesend Wasser im Winter äußerst praktisch ist). Voneinander lernen.



Ich habe mich in Roberts zweistöckigem Tinyhouse gleich wohl gefühlt. Er hat es mit seiner damaligen Partnerin selbst gebaut und lebt dort nun mit seiner Hündin. Geheizt wird natürlich mit Holz. Wasser gibt’s aus Kanistern. Strom von Solarzellen. Das Haus ist super isoliert und einfach schön, gemütlich und praktisch eingerichtet. Robert ist ein geduldiger, angenehmer und aufmerksamer Mensch, der ursprünglich von der Küste Deutschlands kommt, schon viel gereist ist und nun seit einigen Jahren im Yukon lebt und, wie so viele, als Tourguide arbeitet. 
Im den Tagen bei ihm machten wir Feuer, ich durfte lernen ein Quad im Schnee zu fahren, wir entdeckten Vielfraßspuren, sahen Sternschnuppen. Ich hatte auch Zeit für mich, morgens, wenn die Sonne gerade erst aufging, abends beim Spazierengehen mit dem Hund, nachts, beim aus-dem-Fenster schauen vom Sofa aus. Kurzum, es war sehr, sehr schön. Danke dafür, lieber Robert! Von Herzen.
Heute, Sonntag, bin ich bei Aline, welche mittlerweile im Mendenhall Workaway macht. Es war so schön, sie heute wieder zu sehen. Verrückt, wie schnell sich eine eben noch Fremde auf einmal fast wie Familie anfühlt..

Sie arbeitet für eine Kanadierin, die ihren Hauptwohnsitz in Whitehorse hat, da ihre Kinder dort die Schule besuchen. Alines Aufgaben sind hauptsächlich, mit dem Schlitten Feuerholz aus dem Wald zu holen, es zu spalten, das Haus warm zu halten, Reparaturen zu erledigen, die Hunde zu versorgen und- was ich am Coolsten finde- wirklich große Feuer zu machen und darin alten Schutt zu verbrennen. Ich freue mich sehr, dass sie diesen wundervollen Ort, an dem sie sich sehr wohl fühlt, gefunden hat und dass ich einen Teil ihrer Zeit hier miterleben darf.

Gerade ist sie hier im Haus noch mit zwei ebenfalls reisenden Jungs aus Deutschland, Malte und Nils. Wir waren spazieren mit den zwei Hunden, unterhielten uns ewig, kochten, aßen und lachte gemeinsam und dann habe ich mich entschieden, hier noch etwas länger mit ihr zu bleiben und zu arbeiten. Und heute draußen zu schlafen. Wo ich jetzt liege. Gespannt ob all der Dinge, die da noch kommen. Und wieder, sehr dankbar.

„Nur“ eine Geschichte 

Standard

Ganz gleich, ob wir uns wiedersehen. Ich hoffe, ich bleibe Dir nicht nur als eine Geschichte, die Du aufschreibst und zu den anderen packst, in Erinnerung. 
So oder ähnlich hatte er es zu ihr gesagt, als sie sich verabschiedeten, obwohl er sie da noch gar nicht Heim gefahren hatte. Und sie noch vor seiner Tür standen, von innen.

Heim, denkt sie, was für ein unpassendes Wort für diesen fremden Ort, und doch kam ihr nur dieses in den Sinn. Seit über zwei Monaten nun, war sie nicht zu Hause, nur immer woanders. Schon fast vergessen hat sie, was das ist, ein zu Hause. Ein Heim. Und doch erinnert sie sich an das Gefühl. Und, dass Sie vielleicht mal eines hatte. Irgendwo. Außer ihr. Oder in ihr. 

Ob man wohl irgendwann ganz vergisst, wie sich das anfühlt, wenn man nur zu lange wegbleibt? Von wo? Daheim

Wo? 

Wer? 

Kommt ihr in den Sinn. Und, ob man sich selbst vergessen kann. Aber nicht im positiven Sinne

Ganz gleich, ob wir uns wieder sehen. Ich hoffe, ich bleibe Dir nicht nur als eine Geschichte, die Du aufschreibst und zu den anderen packst, in Erinnerung. 

Wie kommt er denn darauf, dass sie ihn in eine Geschichte packen würde? Was sollte sie schreiben? Wovon?

Vielleicht von ihrem ersten Treffen im Café, als sie so ahnungslos unschuldig war und ihn aus allerlei Gründen traf, aber nie, um jenes in seinen Augen zu entdecken, was sie entdeckte. Sie kam sich fast dümmlich vor, als sie mit ihm sprach und merkte, dass sie ununterbrochen in seine Augen sah. Und dann baute sie bewusst ein paar abschweifende Blicke ein, damit er sich nicht angestarrt fühlte. Sie konzentrierte sich auf den Inhalt seiner Worte, kam aber nicht drum herum sich vorzustellen, wie es wäre, wenn er ihr vorläse. Diese angenehm beruhigende Stimme. 

Ganz gleich, ob wir uns wieder sehen. Ich hoffe, ich bleibe Dir nicht nur als eine Geschichte, die Du aufschreibst und zu den anderen packst, in Erinnerung. 

Was sollte sie über ihn schreiben? Wer würde dies lesen wollen, wie sie dann das nächste Mal mit ihm kam, zwei Fremde und doch alte Bekannte, die lange zusammen dasaßen und redeten, offen und unbefangen, am Tisch, mit dem Blick in den Wald, bis es dämmerte, und dann hinaus gingen in die Kälte, durch den Schnee stapften im blendenden Mondschein und er ihr dann, an einem Gipfel angekommen, die Sterne erklärte und sie sich dumm stellte, weil sie in dem Moment tatsächlich dumm war und vergessen hatte, was sie über die Sterne wusste. Und gerne zuhörte. Und dann ein weiterer Aussichtspunkt. Und fast ganze Stille. 

Ganz gleich, ob wir uns wieder sehen. Ich hoffe, ich bleibe Dir nicht nur als eine Geschichte, die Du aufschreibst und zu den anderen packst, in Erinnerung. 
Das Feuer, das sie machten, darüber könnte sie schreiben. Es war ein gutes Feuer. Erst schmal und hoch, stechend, hellgelb, fast weiß. Dann breit, orangerot, wärmend, während sie dasaßen, bei Minusgraden, vor dem Unterschlupf und wie er den Arm um sie legte. Und es ok war. Es einfach war.
Vielleicht, denkt sie, hatte er recht, denn immerhin hatte sie nun über ihn geschrieben, nicht viel aber auch nicht gerade wenig und sie könnte noch mehr schreiben. Über die Reflektionen der Mondstrahlen in den Schneekristallen der vereisten Sträucher, Bäume und Gräser auf ihrem Rückweg zu seinem Heim, welche sie an die Glühwürmchen des letzten Sommers erinnerten. Oder über den farbigen Sonnenaufgang, welcher sich über die minusgradkalte Weite um sie herum erhob und den sie morgens aus seinem Fenster aus betrachtete, zum Beispiel.

Aber warum aufschreiben? Geschichten beherbergen das Wort Geschichte, welches wir mit Vergangenem verbinden. Ulkig irgendwie, denkt sie, denn gerade durch das Aufschreiben bleibt sie präsent. Die Geschichte.

Chilkoot Trail

Standard

Vorwort
Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal in Kanada und arbeite für Kost und Logis für eine Familie, welche im Yukon ca. 60 km von Whitehorse Trekking- und Kanutouren anbietet und Cabins vermietet.

Den Chilkoot Trail habe ich gemeinsam mit dem Gastvater und Guide, einem Bordercollie sowie drei Gästen, welche auch seine Freunde sind, bewältigt. Die Männer sind schätzungsweise alle Mittvierziger. Wir haben den Trail eine Woche nach Schließung gemacht und waren somit immer die einzigen in den Camps, was luxuriöse aber auch etwas gruselige Verhältnisse für mich waren. Zuvor haben wir uns telefonisch (da der Trail geschlossen ist) registriert und uns an der Grenze in Alaska Aufenthaltsgenehmigungen für die USA für drei Monate besorgt (Kosten 6CAD), da wir einen Teilnehmer in Skagway abgeholt haben, der den wunderschönen White Pass mit der Eisenbahn gefahren ist. Zudem führt der Trail über die Grenze also Pass nicht vergessen!

Der Chilkoot Trail ist eine ehemalige Goldgräberroute und es finden sich auf dem Weg allerlei Informationen zu den einzelnen Camps, ehemaligen Städten und Geschehnissen. Da diese Infos zuhauf im Internet zu finden sind und ich sie hier nur wiedergeben würde, verzichte ich darauf und beschränke mich auf meine persönliche Reiseerfahrungen und gebe hier auch mein Inneres Erleben wieder. Wer also einen geschönten Reisebericht sucht, ist hier eventuell falsch.


Aus Datenschutzgründen werde ich bei diesem Bericht keine erkenntlichen Bilder und Namen von Personen teilen. Bitte habt Verständnis.

Tag 1 (12.9.17) Dyea – Finnegan’s Point – Canyon City

Wir kommen gegen Mittag in Dyea an. Vollgepackt mit allem, was man so braucht um in der kalten Jahreszeit zu wandern, geht’s los. Der Weg führt durch urigen und üppigen Regenwald und ich genieße die ungewohnt feuchte Luft hier, denn im Yukon musste ich mich erst einmal an die trockene Luft gewöhnen. Alles ist grün, moosig, matschig. Schön! Die Männer marschieren zügig und damit wird schnell klar, dass dies nicht so sein wird, wie ich es üblich handhabe zu wandern. Ich bin gespannt.

Zwischendurch passieren wir immer wieder kleine Brücken und Stege und ich verfluche jetzt schon die rutschigen Sohlen meiner undichten Wanderschuhe. Naja..

Gegen Nachmittag kommen wir in Canyon City an, wo ich mein Zelt direkt am Fluss aufbaue.

Nach dem Abendessen geht es früh ins Bett. Ich schlafe schlecht, träume von räuberischen Bären und wache oft auf.

Tag 2 (13.9.17)  CanyonCity – Pleasant Camp –  Sheep Camp
Heute nach nur 8,5 km Sheepcamp am frühen Nachmittag erreicht. Im Gegensatz zu gestern fand ich es nicht anstrengend, ich bin auch kaum noch erkältet. Jetzt sitze ich an warmen Holzofen in einer der Hütten und der Hund döst zu meinen Füßen. Der Weg heute war wundervoll, moosig, viele Pilze und Flechten, unzählige, mir unbekannte Pflanzen. Wirklich schön, wenngleich wir für meine Verhältnisse ziemlich sportlich unterwegs waren. Und jetzt haben wir hier umso mehr Zeit aber so ganz allein traue ich mich nicht in dem Wald, nach der letzten Bärentraumnacht.. mit den Männern ist es eigentlich ganz nett, auch wenn es für mich immer noch sehr schwierig ist, einzuschätzen, was Spaß und was Ernst ist und manche „Witze“ finde ich definitiv nicht lustig.. und dann kommt natürlich der Respekt (und vielleicht auch ein wenig Angst) vor dem Guide hinzu. Aber das ist mein eigenes mich unter Druck setzen. Ich frage mich, wie es geworden wäre, wenn die Gastmutter den Trail (wie ursprünglich geplant) geleitet hätte. Sie fehlt mir.

Nach dem Abendessen sitzen wir zusammen vor dem Feuer in der Cabin. Nach mehrmaligem Ablehnen probiere ich den Whisky doch, er schmeckt gut aber ich mag trotzdem nicht mehr. Ich lausche den Gesprächen der Männer und während ich ins mich stets faszinierende Feuer starre, rauschen vor meinem inneren Auge unzählige, unvergessliche Momente vorbei. Lagerfeuerabende mit den Wildniswanderleuten, singend und mit toller Stimmung. Leos Geburtstagsfeuer, welches mich zu meinem ersten Cello führte, Feuer mit Leo und Marc im Spanien am Strand und ich dann später allein dort schlafend, im Regen und doch geschützt unterm Tarp auf einem Felsbrocken, das Rauschen der Wellen in den Ohren. „Mein“ Minifeuer in Portugal, das erste Feuer mit Moritz am Rhein, dann, ein andermal mit Marc und ihm am Ruhrsee, versteckt hinter Schieferplatten, die springen konnten. Wir schliefen trotzdem daneben. Es war uns egal. Feuer. Ich liebe es.


Heute schlafe ich auf einer Bank in der offenen Gemeinschaftshütte, von meinem Platz aus kann ich den Sternenhimmel sehen.

Ich bin gespannt auf die Überquerung des Passes morgen..

Tag 3 (14.9.17) Sheep Camp – The Scales – Chilkoot Pass (1067m) – Happy Camp – Deep Lake


Ich bin tot.
Heute morgen ging es nach einer kalten Nacht gegen 8 los in Sheepcamp und was mich dann erwartete, war für mich glaube ich das anstrengendste, was ich je gemacht habe. Es ging über den Pass zum Gipfel, steil durch Steinwüste im Nebel. Ich glaube ich hatte selten so Angst im Leben. Meine Höhenangst gepaart mit dem Wind, der mich schwanken lies und der Rucksack der mich stets nach hinten zog, dazu die schlechte Sicht. Immer wieder fürchtete ich, die anderen zu verlieren, da ich sie kaum sah und ich bewegte mich nur kletternd, während die Männer fast durchgehend aufrecht über das Geröll wanderten. Ich kam mir etwas dumm und schwach vor aber das Gefühl am Gipfel war unglaublich.
Leider machten wir dort nur kurz Pause, für mich hatte das Stück für heute gereicht. Ich war so oft ausgerutscht und umgeknickt, dass ich nicht mehr wusste, was an mir überhaupt noch heil ist. Es ging weiter nach HappyCamp aber auch dort wollten die Männer nicht bleiben also weiter nach Deep Lake. Hier ist es tatsächlich schöner. Dort liege ich nun in meinem Zelt, draußen war es mir zu kalt, mit nassen Füßen, aber endlich liegend.

Ich habe Angst, dass ich morgen noch mehr Schmerzen habe und nicht laufen kann aber wegen der Bären kann ich mich jetzt abends nicht mit Voltaren einschmieren, das könnte sie anlocken. Ich stinke und es sind noch zwei Tage. Was gäbe ich jetzt einfach für einen warme Waschlappen und frische Wäsche? Ich muss schon sagen, dass ich nicht erwartet hätte, dass es so anstrengend für mich wird und auch nicht, dass die Kälte so einen riesigen Einfluss auf meine Leistung hat. Trotzdem bin ich stolz, auch wenn ich den Männern wohl ein Klotz am Bein bin. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dann können sie sich stärker fühlen 😉 und ich bin angespornt, über mich hinaus zu wachsen…Und es war ein sehr schöner Weg nach dem Pass. Der Nebel zog langsam über dem Gletscher weg und dann sah man oben den Schnee, auf der anderen Seite kam die Sonne durch und schien auf die grünen Gipfel in der Ferne, in der Mitte der nun nicht mehr felsige Weg, kleine Wasserfälle und dann der erste See. Später überall Blaubeerbüsche, welche den Weg säumten und der Ausblick auf weitere Seen, sogar zwei weiße Bergziegen in der Ferne. Herrlich. (Natürlich ging meine Handykamera genau da nicht..)

Wie mir Marc und Moritz fehlen, mit denen ich längst fünf Kaffeepausen in der Zeit gemacht hätte. Oder Leo, mit der ich auf jedem Gipfel erst einmal gesungen hätte. Oder Kristin. Ihr alle. Fehlt. Ich fühle mich fremd auch wenn die Männer auf ihre Art sehr nett sind, sie verstehen meine vegane Lebensweise nicht, auch wenn sie interessiert nachfragen, was aber immer wieder zu leichten Dikussionen führt und ich habe noch nicht gelernt, wie ich damit für mich gut umgehen soll. Aber es ist gut, auch wenn ich es gern viel mehr genießen würde. Ich lerne viel über mich, Menschen im Allgemeinen. Und es ist spannend, den Trail zu machen obwohl er geschlossen ist. Wir haben bisher nur einmal andere Menschen getroffen, gestern in Alaska, das waren aber Ranger. Luxus, den Trail so leer zu genießen und auch kein Regen bisher. Ich bin schon am richtigen Ort nur hoffe ich, dass ich die anderen nicht zu sehr verärgere und einfach nach diesen Tagen gut auf dem Hof anpacken kann ohne allzu viele Verletzungen.
Jetzt liege ich hier, höre die Stimmen meiner mir so fremden Begleiter im Hintergrund und fühle mich sicher, ich mag sie alle doch, und wenn jetzt ein Bär käme, wäre es mir auch grad egal (denke ich ;))

Ich warte, dass die Sonne untergeht, während ich dem lauten Rauschen des Windes lausche.

Tag 4 (16.9.17) Deep Lake – Lindeman City – Bare Loon Lake

Ich stehe viel zu früh auf. Ich hatte es so verstanden, dass wir um sieben aufstehen was wohl ein Missverständnis war. Ich kann diese Menschen noch nicht gut oder richtig lesen und fühle mich permanent unter Druck. Wie soll ich damit umgehen? Beim Frühstück möchte ich etwas erzählen, Berichte von den Füchsen auf Korsika und dem Fuchs, der mich nachts nicht in Ruhe lies. Bis auf einen glauben sie mir nicht. Und ich soll nicht so viele Schichten tragen, ich friere jedoch noch, da wir uns noch kaum bewegt haben. Die Männer haben ja die Erfahrung. Und ich, kenne ich meinen Körper etwa nicht? Und nur, weil ich viel Wissen von anderen und aus Büchern habe, ist das gleich falsch? Ich kämpfe mit den Tränen aber sage mir immer wieder, dass es vorübergehend ist und ich dabei etwas lernen soll. U d ich weiß, sie meinen es nur gut mit mir. Trotzdem. Es ist anstrengend. Und so ermüdend.. sicher nicht nur für mich, ich weiß..

Später frage ich nach einer zweiten Ibuprofen, gegen die Schmerzen im Knie, damit ich mithalten kann. Der Guide sagt, ich würde Tabletten in rauen Mengen schlucken. Dabei tue ich das nur, weil ich nicht will, dass ich noch mehr hinten dran hinke. Wer mich kennt, weiß, dass ich Tablettengegner bin. Aber er glaubt mir wohl nicht oder macht sich Sorgen, schließlich trägt er die Verantwortung…schwierig, wir kennen uns noch zu wenig und die Situation ist verzwickt. Ich sollte dem nicht zu viel Gewicht beimessen und lernen, mich nicht gleich angegriffen zu fühlen. Aber nun zum „Äußeren“ erleben:

Heute ist der Weg leicht, eine Weile kann ich vorne laufen. Die freie Sicht und das sonnige Wetter motivieren mich. Der Weg ist wunderschön, es geht noch etwas bergauf aber immer wieder Aussicht auf den See oder lichten Wald und abgerundete Felsen. Wenn ich vorne gehe kann ich singen. Später, in Bare Loon, werde ich weit zurück gehen, allein, und viel und laut singen.

 Und an die Menschen denken, die fehlen. Die mich kennen und verstehen. Ich sie singe so laut wie selten. Ich weiß, kein Bär wird mir etwas tun. Ich werde beschützt. Und egal wie das hier ausgeht, mein Weg wird gut. Egal wohin er führt.
Abends reden die Männer, als ich schon im Zelt liege. Über mich? Ich glaube es zu hören und schlafe nicht gut. Liege noch drei Stunden wach und wache später oft auf. Zu viele Gedanken.
Tag 5 (16.9.17) Bare Loon Lake – Log Cabin

Wir stehen gegen halb 8 auf, frühstücken. Gegen 9 geht es dann los. Zwischendurch müssen wir durch zwei schmale Flüsse, den Männern reicht das Wasser bis knapp übers Knie, ich gehe barfuß und in Unterhose, die trotzdem nass wird. Egal, heute muss es nicht mehr warm werden, es ist die letzte Etappe. Und irgendwie fühlt es sich gut an, das eisige Wasser. Meine Wanderschuhe sind schon vorher nass geworden, deshalb laufe ich mit Barfußschuhen. An sich kein Problem, beim Laufen werden die Füße warm, ich liebe die Schuhe, aber der Rest des Weges führt auf Bahngleisen entlang und nach knapp 9km macht das keinen Spaß mehr.
Gegen 12 kommen wir in Log Cabin an, wo der Van auf uns wartet. Ich freue mich auf die Gastmutter. Und die Kinder. Und die Tiere. Nur nicht auf den Hahn. Na gut, vielleicht ein bisschen..

Tag 5 Sahara

Standard

Tag 5

Ich kann mich nicht erinnern, je so eine Stille erlebt zu haben. Hier in der Wüste ist es so, als ob ich zum ersten Mal wirklich hören kann. Obwohl der Wind weht. Obwohl ein paar Männer im Zelt Tee trinken und reden. Ihre Stimmen dringen gedämpft zu mir. Und daneben immer noch diese unglaubliche, unbekannte, tiefe Stille.

Ich habe letzte Nacht besser geschlafen, als die Tage zuvor. Das Bett im Lehmhaus bestand aus einer harten, flachen Matratze, ein paar sandigen Decken und einem steinharten Kissen. Es war kühl aber nicht kalt. Und die Stille. Sie war gestern schon da, nur noch nicht so voluminös. 

Heute morgen dann der Versuch, Yoga im Sand zu machen. Schwierig, vor allem wegen der drei Hunde, die meine Aufmerksamkeit forderten. Auch gut, dann nur kurz die Weite begrüßen und sich an das grelle Licht gewöhnen. Nach dem Frühstück gehen wir auf den Markt. Ein bisschen Obst, Gemüse kaufen. Ein Junge bettelt und greift in meine Tüte. J’ai faim. Ich gebe ihm einen Apfel. Ob der ihn satt machen wird? Danach noch Kanister mit Wasser kaufen. Den Rückweg zum Camp gehen wir bewusst zu Fuß. 

Zu Fuß gehen erscheint uns auch später wieder die bessere Wahl, als wir uns mit Dromedaren auf den Weg machen, tiefer in die Wüste vorzudringen. Der Sand ist heiß aber brennt nicht, als ich barfuß neben meinem Dromedar her laufe. Auch hier wechselt der Boden, kleine Pflanzenteile stechen mich, Steine kitzeln und getrockneter Sand reibt auf meiner Haut. Ein gutes, echtes Gefühl. Dann kurze Rast unter einem Baum. Eine Blase am großen Zeh. Dann doch noch ein Stück Dromedar. Das Schaukeln und die Stille machen müde. 

IMG_5553

Sand unter den Füßen..

Wie kommen an. Kein Zelt aufbauen, alles steht schon, wieder die Buchstaben W und C. Auch ein paar andere Besucher. Ich höre meine Muttersprache und ärgere mich fast etwas.

Na gut, vielleicht eine Illusion, hier in so kurzer Zeit mehr ‚echt‘ zu erleben. 

Aber später Feuer. Bis dahin noch etwas Stille tanken, während die Stimmen der anderen meine Ohren von nebenan her streifen.

Ich gehe raus, lege mich in die Hängematte  und bereue, nichts zu schreiben mitgenommen zu haben. Der Wind weht leicht und kühl während sich die Sonne immer weiter senkt. Ich fröstele leicht und bin angenehm müde. Mein Handyakku ist fast leer. Festhalten, denke ich.

IMG_5550

Der Blick von unserem Zelt aus. In der Ferne eines der Dromedare. Anna und Lena auf einer Düne.

 

IMG_5548

Platz zum Verweilen und Träumen

Feuer. Endlich. Wir sitzen hier nachdem wir den Sonnenuntergang auf einer Düne angesehen haben, zuvor unsere Namen in Arabisch im Sand gelesen haben. Der Sand ist so anders, dunkler, feiner. Ich möchte meine Hände vergraben in den tieferen Schichten, die auch noch nach dem Sonnenuntergang angenehm warm sind. 

IMG_5734[1]

Wir schauen der Sonne beim Untergehen zu

Dann schnell bevor es ganz dunkel ist die Düne runter rennen. Ins Zelt, in dem es Tee, Nüsse und Kekse gibt und wir Anna und Lena kennenlernen, die in Jena studieren. Anna hat mit ihren 22 Jahren schon fast die ganze Welt bereist. Sie erzählt. Ich höre ihr gern zu aber ich verspüre keinen Neid. Wir schieben die flachen  Tischchen zusammen. Es gibt Suppe, danach Tajine. Zum Abschluss Obst. Heute alles vegan. Ich bedanke mich.

Ich sitze noch etwas mit Anna bei Kerzenschein und wir unterhalten uns, bevor wir zu den anderen ans Feuer sitzen. Es wird getrommelt.

Später: Brahim erzählt Witze und stellt uns Rätsel, auch wir versuchen uns daran. Ich singe doch die Deutschen trauen sich nicht richtig und bald sind nur noch Brahim, Saiid und zwei weitere, Lena und ich am Feuer. Wir spielen Kinderspiele, Tiergeräusche, Koffer packen mit Bewegungen, Flüsterpost. Es ist so simpel und doch habe ich lang nicht mehr so lachen müssen. Die Erwachsenen Männer mit ihren Turbanen schmeißen sich weg vor Lachen.

Zeitlose Momente. Wir haben weder Alter, noch Rasse, noch Geschlecht. Bei Flüsterpost beißt  mich Saiid ins Ohr. Als er heute die Dromedare führte sah er aus, wie einer, der zu schnell erwachsen werden musste. Jetzt sieht er aus wie ein freies, sorglosen Kind und seine Augen leuchten.  Ich frage was gute Nacht auf berber heißt. Leila Saida.

Vor unserem Zelt halte ich kurz inne. Der Mond ist inzwischen aufgegangen. Halbmond. Ich höre die Schlafgeräusche der anderen und gehe ins Zelt. Jetzt liege ich hier und lausche den Stimmen draußen. Fast schade, dass es morgen schon vorbei ist. Aber das kümmert mich nicht. Die Wüste ist ja zeitlos.

Day 5.

I cannot recall to have ever witnessed such silence. Here in the desert, it is as though I can truly hear for the first time. Despite the blowing wind. Despite a few men sitting in a tent and drinking tea. Their voices reach my ears muffeldly. And next to all that there’s still that unbelievable, unfamiliar, deep silence.

I have slept better last night than the days before. The bed in the clay house was nothing but a hard, flat mattress, a few sandy blankets and a stone-hard pillow. It was cool but not cold. And the silence. Yesterday it was there, but not yet so prominent.

Today in the morning I try to do yoga in the sand. Difficult, especially because of the three dogs that demand my attention. Fine as well, then just a short greeting the world and getting used to the dazzling light. After breakfast we go to the market. Buying some fruits, some vegetables. A boy begins begging and reaching into my bag. J’ai faim. I give him an apple. Will it still his hunger? Then buying a canister of water. We deliberately walk back to camp.

Walking also strikes us as the better option later on, when we take the dromedaries deeper into the desert. The sand is hot, but it does not burn me, as I walk barefoot next to my dromedary. Here, too, the ground keeps changing, small plants poke me, stones tickle and dried sand grinds on my skin. A good, true feeling. Then a short rest under a tree. A blister on my big toe. Then a short trip on the dromedary after all. The rocking and the silence make me tired.

We arrive. No setting up tents, everything’s been prepared, again the letters W and C. A few other visitors, too. I hear my own native tongue and almost feel a tad bit irritated.

Oh well, perhaps it was wistful thinking, to experience more ‚real‘ here in such a short amount of time.

But later on fire. Until then I load up on more silence, while the others‘ voices float past my ears.

I go outside, lie down in a hammock and regret having taken nothing along to write. The wind blows soft and cool while the sun descends further and further. I shiver a tiny bit and feel pleasantly tired. My battery is almost empty. Hold on, I think.

Fire. Finally. We sit here after having watched the sunset from a dune, having read our names being written in Arabic in the sand. The sand is so different, dark, finer. I want to bury my hands in the lower layers, that are still warm even after sundown.

Then quickly running down the dune before it becomes too dark. Into the tent, where there’s tea, nuts and biscuits, and where we meet Anna and Lena, who study in Jena. Anna, with her 22 years, has already seen most places in the world. She recounts her stories. I like listening to her, but feel no jealousy. We push together the flat tables. There’s soup, and after that tajine. Fruits to finish the meal. Today everything is vegan. I express my thanks.

I sit a while with Anna in the dim light of the candles, and we talk, before we go to the others at the fire. There’s drumming.

Later: Brahim tells us jokes and asks us riddles, which we try to solve. I sing, but the other Germans are too shy to join in and soon it’s only Brahim, Saiid and two others, Lena and I remaining at the fire. We play children’s games, Animal Sounds, I Packed My Bag, Telephone. It is so simple, and yet I have not laughed more in a long while. The adults with their turbans roll around on the ground with laughter.

Timeless moments. There’s no age, no race, no gender. Saiid bites my ear as we play telephone. When he lead the dromedaries today he looked like someone who had to grow up too quickly. Now he looks like a free, carefree child and his eyes twinkle brightly. I ask him what good night means in the berber language. Leila Saida.

I pause before our tent. The moon has risen. Half moon. I hear the sounds of the others sleeping and enter the tent. Now I lie here and listen to the voices outside. Almost sad, that tomorrow it’ll be over already. But that does not bother me now. After all, the desert is timeless.