Tag 2 Nazaré

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Tag 2 

Morgens

Ich konnte kaum schlafen. Nicht, weil ich mich nicht wohl gefühlt hätte – im Gegenteil. Aber am liebsten hätte ich gleich heute morgen gehabt. Dieses Gefühl, dass man als Kind jeden Abend hatte, wenn man nicht einschlafen wollte, aus Angst etwas zu verpassen. Verrückt. 


Und letztlich habe ich es dann geschafft, in dem ich mich dem Neuen einfach hingegeben habe. 

Trotzdem, nur kurzer Schlaf.

Ich bin als erste wach, genieße die Ruhe noch etwas. Freue mich über jede Kleinigkeit (das Fenster zu öffnen, draußen die Sonne und Wäsche auf den Balkonen hängen zu sehen, sogar der Geschmack von Chlor im Wasser löst bei mir irrsinnigerweise Freude aus).

Dann mache ich Yoga, dusche und rufe Viktor Hugo an. Er ist ein Mitbegründer von Vegan Hills, Vegoa, eine Gemeinschaft die in der Algarve ein komplett veganes Dorf errichten, umgeben von wunderschöner Natur.

Er möchte einem Vortrag in Freiburg halten und ich würde ihm gerne bei der Organisation etwas helfen.Es ist ein tolles Gespräch und ich hoffe, das Land nach Monsaraz auch noch ansehen zu können.

Danach machen Kristin und ich uns auf einen kleinen Spaziergang zum Parque das Nações. Die Sonne scheint so sehr, dass ich trotz der Herbstluft im Top dasitzen kann. Glücksgefühl pur. Zwar weiß ich jetzt schon, dass die Tage in der Stadt für mich eine Geduldsprobe darstellen werden aber es gibt sicher hier auch viele Ecken zum Wohlfühlen.

Nachdem wir uns eine Kleinigkeit zum Essen besorgt haben, setzen wir uns in den Jardim de Gulbenkian und essen unter strenger Beobachtung einer Möwe.

Nachmittags fahren wir dann mit Telmo und Luisa im Luxusauto ans Meer, Nazaré. Die Wellen sind groß, laut und mächtig und wir rennen immer wieder auf sie zu und von ihnen davon, barfuß, mit hochgekrempelten Leggins und Wintermütze auf dem Kopf. 


Dass dieser Tag von Paradoxie geprägt ist, zeigt nicht nur diese Situation. Statt zu Fuß geht es mit dem Cabrio kurz darauf wieder weiter. Laute Popmusik tönt von Bässen gestützt aus den Lautsprechern des Gefährts und Kristin und ich müssen plötzlich herzhaft lachen über diese bizarre Situation – Cabrio, mit lauter Musik durch die Stadt, wir. Besonders verrückt wird es, als in Sítio, einem Stadtteil von Nazaré eine Frau im Trachtenrock anfängt, zu „unserer“ Musik wie ein Hip-Hopper zu tanzen… 🙂

Aber genug geschmunzelt und zwischendurch mal etwas Hintergrundwissen: die Frauen von Nazaré trugen damals (und einige heute noch, wohl eher wegen der Touristen) sieben Unterröcke, für die sieben Tage, die der Mann auf dem Meer zum Fischen war. Jeden Tag wurde dann ein Unterrock ausgezogen, bis eben nur noch einer übrig war. Dies sollte die Wartezeit verkürzen.

Vollkommen abstrus wird es dann, als wir nach Óbidos zur Vila Natal fahren. Es gibt dort ein richtiges Weihnachtsdorf. Kristin und ich entscheiden uns, nicht die 6€ Eintritt für den Weihnachtsmarkt zu zahlen (zumal ich nicht einmal den Freiburger Weihnachtsmarkt besucht habe) und erkunden die Burgmauern der Stadt von der anderen, ruhigeren Seite aus. Wir sehen die Sonne untergehen und ihre letzten Strahlen spiegeln sich rosafarben in kleinen Wolkenfetzen wieder.


Später kaufen wir uns Unmengen an gerösteten Maronen, welche wir mit Lichtgeschwindigkeit verspeisen und ich kaufe mir ein wunderbar altes, verschrobenes portugiesisch-deutsch Wörterbuch.


Es ist längst dunkel und sternenklar, als wir uns auf den Heimweg machen und ein erster Tag zu Ende geht.

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