Tag 9 Tagazoute

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Tag 9

Ich wache auf und höre das Rauschen der Wellen des Meeres, dass sich nur knapp 50 Meter vor mir erstreckt. Flut.

Die Sonne steht im Osten während ich mit Blick aufs Meer etwas Morgengymnastik mache. Danach gehen wir an den Strand. Bis auf ein paar Möwen, die zum Rauschen der Wellen über uns singen, ist es Menschenleer. Etwas später setzt sich einer dick eingemummt auf einen Felsvorsprung, während wir mit den mächtigen Wellen spielen, springen und lachen, wie Kinder. Wir sind alte Kinder.

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Ich schwimme weiter raus, nein das Meer zieht mich zu sich. Ich lasse es zu.

Meine Haut kribbelt. Als mein Kopf sich wie Eis anfühlt kämpfe ich mich zurück an den Strand. Was für eine Macht der Atlantik hat.

Ich denke an die Flüchtlinge, welche übers Meer zu uns gekommen sind. Und an die, welche nie angekommen sind.

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Wir machen uns einen Salat aus Tomaten, Gurken, Petersilie, Zitrone und Romanesco, dazu Obstsalat mit Erdbeeren, Orangen und Minze, frisches Brot. Alles vom Souk in Agadir. Das Obst ist süß, die Tomaten schmecken reif und saftig.

Nachdem wir gestern erfahren haben, dass wir den Bus nach Marrakesch dort vor Ort buchen müssen, sind wir heute in die Stadt getrampt. Ich hatte kaum den Daumen rausgestreckt, da hielt auch schon ein Auto. Der Fahrer und seine Schwester erzählen uns, dass sie in Spanien leben und hier die Familie besuchen. Die Frau ist unheimlich schön und beide sind sehr freundlich. In Agadir bringen sie uns direkt zur Busstation. Da diese ziemlich schwer zu finden ist, fragen sie einen Taxifahrer während wir kurz stehen durchs Autofenster durch. Die Situation ist sehr nett und zugleich komisch anzusehen. Ein Mann läuft durch die wartenden Autos und steigt in das Taxi, während der Taxifahrer noch mit unserem Fahrer redet und gar nicht merkt, dass er mitten im Stau einen Mitfahrer bekommt. 

Nachdem wir das Ticket gekauft haben geht es auf den riesigen Souk, der zu dieser Zeit kaum von ausländischen Touristen besucht wird. Wir kaufen  Obst, Gemüse, Datteln und Mandeln. 

Mit dem Taxi fahren wir zum Platz an welchem die Grand Taxis fahren. Der Taxifahrer haut uns übers Ohr aber wir haben keine Lust  zu diskutieren. Im Grandtaxi, einem alten Mercedes, sitzen wir bei laufendem Motor und mit unseren vollen Taschen zehn Minuten mit zwei Männern einquetscht auf der Rückbank. Dann kommt der Fahrer, schaltet den Motor aus und sagt es dauere noch etwas. Alle bleiben sitzen. Schweigen. Außer uns. Situationskomik. Wir steigen beide nochmal aus bis das Grand Taxi uns dann schließlich nach Tagazoute bringt. Trampen in die Richtung ist aufgrund des Verkehrs unpraktisch.

Jetzt liege ich mit vollem Magen ausgestreckt auf einer Wolldecke auf dem Balkon des Appartements. Der Wind weht und ich höre das Rauschen der Wellen und die Stimmen von ein paar jungen Männern, die Fußball spielen. 

Ich habe seit der Wüste das erste Mal das Gefühl angekommen zu sein. Und doch weiß ich, dass ich morgen zurück ’nach Hause‘ fliege.

Ich werde weiter reisen. Das weiß ich.

Ich sitze auf dem Balkon. Fühle den Wind, lausche dem Rauschen. Sehe die Lichter von Agadir in der Ferne leuchten. Und ein paar Fischerboote in der Ferne erkenne ich an den flackernden Lichtern über den Ozean.

Mein Magen ist voll mit unserer ersten selbst gekochten Tajine. Mein Kopf ist gefüllt mit Bildern. Der Strandspaziergang heute Nachmittag. Der Sonnenuntergang, den wir vom Berg aus mit verfolgt haben. Die Lichter der Cafés und Restaurants und die gewundenen Gassen welche wir im Dunkeln neu entdeckt haben.

Doch es tummeln sich noch so viele weitere Erinnerungen in meinem Kopf. All die Menschen, die  wir kennen lernen durften. Neue Gespräche und Ansichten, die sich eröffnet haben. Neue Geräusche und Gerüche und alte neu entdeckt. 

Es ist ok, zu gehen. Ich war nur kurz Gast in diesem faszinierenden und unglaublich vielfältigen Land und habe doch in kurzer Zeit so viel gesehen, gehört, gefühlt. 

Die Wüste hat in mir eine Sehnsucht geweckt. Ich möchte wieder kommen. Und weiter lernen.

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