Tag 8 Agadir – Tagazoute

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Tag 8

Ich sitze im Café. Eine fremde weiße Katze auf meinem Schoß. Den wohl süßesten Minztee aller Zeiten vor mir auf dem Tisch. Die Fremde vergräbt ihr Köpflein in meiner Handfläche.

Jetzt ist alles wieder gut

Heute morgen erwache ich wieder viel zu früh aus einem immer wieder unterbrochenen Schlaf. Ich fühle mich zerknautscht und bin gereizt. Es dauert nicht lange, da ist klar, dass wir nun nicht mehr zu dritt reisen. Unsere Wege trennen sich. Michael möchte Essaouria erkunden. Kristin und ich wollen an  weniger touristische Strände. 

Nach einem kurzen Abschied machen wir uns auf Richtung Souk. Wir treffen mehrere sehr freundliche Marokkanerinnen, die uns den Weg beschreiben und bekommen Infos über die üblichen Preise der Taxis. Während wir zum Souk laufen lernen wir einen Jungen Marokkaner kennen, der gerade mit  seinem Finanzwissenschaftsstudium fertig ist. Er begleitet uns ein ganzes Stück und wir reden über die Stadt, in der er nur noch eine Woche leben wird und Flüchtlinge in Deutschland. Er ist zufrieden hier sagt er, hat alles, was er braucht.

Kurz darauf spricht uns ein älterer Mann an, der 13 Jahre in Frankfurt gelebt hat. Er hat einen Gewürzladen auf dem Souk. Er lädt uns zum Tee ein aber wir haben es eilig da wir zu Mittag im Hotel auschecken müssen und noch nicht gefrühstückt haben. Wir kaufen Obst, jede Menge Nüsse und Trockenfrüchte. Der alte Mann begleitet uns ungefragt. Am Schluss kaufen wir aus Höflichkeit ein Tajinegewürz in seinem Laden. Als wir nicht mehr kaufen wirkt er enttäuscht. Wir lehnen eine weitere Einladung zum Tee eines Obstverkäufers ab, da wir uns beeilen müssen und nehmen ein Taxi zurück.

Angekommen frühstücken wir von dem Eingekauften und räumen dann das muffige Zimmer des Hotels, das wohl meist als Stundenhotel genutzt wird.

Im Wi-Fi Bereich schreibe ich Brahim, ob er uns einen Tipp hat, wo es schön ist. Tagazoute, nur 25 km entfernt. Also gut. Ihm vertrauen wir. Wir buchen ein Surf Hotel, unterhalten uns noch mit einem Hotelangestellten, der uns kurzerhand auf die Dachterrasse führt und uns die Stadt von oben zeigt. Doch nicht so unschön. Trotzdem. Nicht unseres. Wir verlassen die Unterkunft und fahren mit dem Grand Taxi nach Tagazoute. Es ist das erste Mal, dass ich den Atlantik sehe. Aber wirklich wahrnehmen werde ich ihn erst später.

Im kleinen Ort an der Küste angekommen merken wir schnell, dass es hier auch touristisch ist aber trotzdem angenehm. Eine Surfhochburg jedoch keine Hauptsaison. Wir laufen die Straße mehrmals ab aber finden das Hotel nicht. Ein Einheimischer lässt mich in seine Wohnung am PC nach der Nummer der Hotels suchen. Ich finde nichts. Tagazoute beherbergt ein Surf Hotel nach dem anderen. Wir sind müde und haben keine Lust jedes abzuklappern und buchen kurzerhand ein günstiges Appartement an der Straße bei einem zuvorkommenden älteren Mann. Das Appartement erweist sich als Glücksgriff. Es ist größer als meine gesamte Wohnung, hat eine komplett eingerichtete Küche und einen riesigen Balkon mit Meerblick.

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Blick aufs Meer vom riesigen Balkon aus

Da Kristin müde ist kümmere ich mich um die Papiere für die Anmietung und komme dabei mit Latifa, der Besitzerin der Immobilienvermietung ins Gespräch. Sie ist unglaublich nett und wir unterhalten uns über Gott und die Welt. Innerhalb kürzester Zeit stellen wir fest, dass wir sehr ähnliche Ansichten haben. Sie mag meinen Namen. Oh, you have an arabic Name. Thanks, it’s the name of my Grandmother. From Turkey.

Später am Strand. Kaum Menschen, angenehm ruhig.

Es ist leicht windig und das eiskalte Wasser umspült meine Füße. Ungewohnt, nach fast einer Woche größtenteils mit langen Kleidern und bedeckten Kopf, hier im Bikini zu stehen. Dasselbe Land aber eine komplett andere Verhaltensweise. Schon auf der Straße habe ich festgestellt, dass mein Kopftuch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als unbedeckte Schultern oder Beine. Überall Menschen mit knappen Kleidern. 

Doch hier am Strand ist nichts los. Trotzdem fühle ich mich nackt.

Ich blicke in endlose, blaue Weite und springe. Meine Haut zieht sich zusammen und mein Kopf schmerzt vor Kälte aber die Bewegung tut gut und ich schwimme immer weiter.

Danach Sonne. Sand an Händen und Füßen spüren.

Wieder im Appartement kurze grobe Planung. Spontane Entscheidung, dass wir zwei statt einer Nacht bleiben. Endlich ankommen. Dann machen wir uns Tomatensalat mit frischer Minze, dazu Minztee, der nach Minze statt Zucker schmeckt, geröstete Nüsse, Avocado, Brot und Trockenobst. 

Wir essen auf dem Balkon während die Sonne schnell aber eindrucksvoll untergeht. Bereits als sie längst verschwunden ist bleiben noch ihre farbigen Spuren in rosé und violett am Horizont.

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Sonnenuntergang

Mit vollen Bäuchen und leeren Köpfen geht es ins Café. Zu Tee mit viel zu viel Zucker und einer Fremden, die vertraut.

Heute Nacht werde ich vor dem Balkon schlafen und mich von den Wellen in den Schlaf tragen lassen.

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